Zu Besuch bei Käthi Bhend

Die Einrichtung von Käthi Bhends kleinem Haus in Heiden ist ein Sinnbild ihrer Bücher: Was auf den ersten Blick angenehm einfach aussieht, ist bei genauerem Hinsehen durchdacht, raffiniert und eigenwillig gelöst. In der Küche sind zum Beispiel auf einer Seite Glasscheiben angebracht, hinter die sie Drucke von anderen Grafikern hineinschieben und immer wieder auswechseln kann. Eine eigene Wechselausstellung hinter dem Abwaschbecken. »Das war billiger als Kacheln«, sagt sie nur.

Deine Bilder sind voller Dinge, die man erst auf den zweiten Blick sieht. Warum versteckst du so viel?

Zuerst kommt die Handlung einer Geschichte, dann folgen die Extrageschichten mit den Vögeln, Pilzen, Früchten, Bäumen und Wurzeln. Kinder lieben Verstecktes. Sie finden auch alles viel schneller heraus als Erwachsene. Wenn Kinder merken, dass in einem Bild mehrere Geschichten möglich sind, schauen sie es immer wieder an. Es macht ein Kind stolz, wenn es selbst auf etwas kommt. »Da hat es ja …«, »Wenn ich blinzle, dann sehe ich …!« Ein Gesicht, das erst beim Umblättern entsteht, versteckte Manöggel, Schlangen hinter Steinen. Manchmal verstecke ich auch kleine Hinweise für Kinder, die ich kenne.

Die Dinge so anzuordnen, dass etwas anderes daraus wird: Das ist auch ein kindlicher Akt. Fühlt sich Bildermachen für dich wie Spielen an?

Viele Illustratorinnen und Illustratoren sagen von sich, dass man selbst ein Kind bleiben muss, um sich einfühlen zu können. Aber man ist ja auch immer abhängig davon, was das Lektorat durchgehen lässt und was nicht. Beim Bilderbuchmachen ist der Witz: Wie steuert man den Blick? Ein Bilderbuch liest man wie einen Text. Ich achte auch immer darauf, dass dort, wo man das Buch hält, etwas Freiraum bleibt.

Kinder haben einen unverstellten Blick auf die Welt, wenn man ihnen keinen Erwachsenenblick aufstülpt.

Käthi Bhend

In Die Nacht im Zauberwald wölbt sich eine Höhle über eine Kröte, die ihrerseits wie eine Kröte aussieht mit ihren Blättern und Ästen. Die verschiedenen Bildebenen offenbaren sich erst bei längerem Betrachten. Willst du mit deinen Bildern Kinder überzeugen, genau hinzuschauen?

Die machen das doch sowieso. Kinder haben einen unverstellten Blick auf die Welt, wenn man ihnen keinen Erwachsenenblick aufstülpt. Für meine Illustrationen lernte ich von Kindern. In der Umgebung des Appenzeller Bauernhauses in Oberegg, wo ich mit meinem Mann 30 Jahre lang wohnte, kamen in dieser Zeit 14 Kinder zur Welt. Sie waren mein Wecker, wenn sie morgens auf dem Weg zur Schule mit Geschrei am Haus vorbeischlittelten. Und sie waren das Publikum für meine Arbeit.

»Was sieht man denn da?«, fragte ich sie. Kinder zu fragen, ist sehr interessant, erst dann merkt man, worauf sie achten. Ich bot ihnen dafür auch etwas: Feste im Wald, Fasnacht mit selbst gemachten Masken oder Waldweihnachten, wo wir mit Kerzen und Lampen nachts durch den Schnee wanderten. Kürzlich habe ich im Postauto eines dieser Mädchen getroffen, die nun eine große Frau ist, und sie sagte gleich: »Weißt du noch, als wir im Wald mit den Kerzen unterwegs waren?«.

Dein Mann stammte aus Zürich, du aus Olten. Wie verschlug es euch zwei Städter auf einen abgelegenen Bauernhof?

Armin war ein Hobbyhandwerker und wollte ein Haus, das er selbst renovieren konnte – am liebsten irgendwo im Gaggo. Deshalb bewarb er sich auf ein Stelleninserat in der Lehrerzeitung für die Sekundarschule in Oberegg. Es gab noch einen zweiten Bewerber. Der war jedoch zu dieser Zeit in Kanada in der Wildnis, deshalb bekam Armin die Stelle. Die Oberegger dachten wohl: Besser einen reformierten Zürcher als einer, den wir uns gar nicht ansehen können.
Wir fanden ein altes, abgelegenes Haus von 1590, zu dem auch ein Hektar Wald gehörte. Beim Haus standen zwei mächtige Birnbäume. Wenn sie blühten, waren das wie riesige Blumensträuße. Und wenn man darunter saß, brummte und dröhnte es von Millionen von Bienen.

Die Natur vor deiner Haustür flog dann direkt in deine Bilderbücher?

Die Hasen, die im hohen Gras geboren wurden, der Fuchs, der sie fressen wollte, und die Blätter, die im Sturm herumwirbelten – das fand natürlich alles Eingang in die Bücher. Angefangen hat es allerdings nicht mit Bilderbüchern, sondern mit Lesebüchern, die ich illustriert habe. Der Lehrmittelverlag Zürich hatte einen Wettbewerb ausgeschrieben, den ich gewann. Mein erster Beitrag waren Bilder von einer Hecke durch die vier Jahreszeiten. Damals kamen in Schulbüchern Bildtafeln auf, die als Sprechanlässe für die Kinder dienten. Eigentlich war eine wissenschaftliche Zeichnerin aus Prag dafür vorgesehen, aber sie fiel kurzfristig aus, weil sie für einen Staatsauftrag abberufen wurde. Ich hatte keine Ausbildung in wissenschaftlichem Zeichnen, aber der Verlag übertrug mir diesen Auftrag trotzdem.

Wir hatten rund ums Haus viele Hecken. Ich ging immer schauen, wie es wächst und blüht, welche Pilze oder Schnecken es hat. Und ich bestellte haufenweise Naturbücher. Nach dem Erscheinen des Schulbuchs bekam ich so viele Briefe wie nie mehr in meinem Leben. Die Schulkinder schrieben Dinge wie: »Haben Sie das mit Absicht gemacht, oder wussten Sie nicht, dass der Schwarzdorn nicht gleichzeitig mit dem Holder blüht?« Ich schrieb zurück: »Ich musste alle Pflanzen blühend zeichnen, aber ihr habt recht, es ist falsch.«

Dein populärstes Bilderbuch bei NordSüd ist Im Traum kann ich fliegen mit einem Text von Eveline Hasler. Wie entstand dieses Buch?

Die Verbindung mit Eveline Hasler kam über den Nagel & Kimche Verlag. Sie war dort Autorin, und ich illustrierte Kinderbücher von Hanna Johansen in Schwarz-Weiß. Nagel & Kimche verlegte keine vielfarbigen Bücher. Kein Bilderbuchverlag wollte Im Traum kann ich fliegen wegen der Würmer, Käfer und Engerlinge als Hauptfiguren.

Eveline Hasler konnte dann aber den Ravensburger Verlag davon überzeugen. Ich dachte ja selbst, es ist ein wenig schwierig, wie da alles unter der Erde spielt, aber diese Herausforderung sah ich als Chance. Ich machte dann jedes Bild in einer anderen Hintergrundfarbe, und auch der Rest ist ein Bombenkitsch, wie sie da stricken und Kappen aufhaben – und der Engerling hat eine Brille, weil er ja nichts sieht. Auch die Würmer waren nicht ganz einfach.

In drei Monaten war ich fertig, ich habe Tag und Nacht gearbeitet, ich wollte diesen Sprung ins farbige Bilderbuch unbedingt schaffen. Pünktlich für die Präsentation an der Frankfurter Buchmesse war ich fertig. Ohne Termine ginge es sowieso nicht bei mir. Ich würde ewig weitermachen.

Es zieht mich nicht zu den Texten, die Texte kommen zu mir.

Käthi Bhend

Für Atlantis hast du Einer, der nichts merkte von Robert Walser illustriert und für NordSüd Das Märchen von der Welt von Jürg Amman nach Georg Büchner. Warum zieht es dich zu so schwierigen Texten, die du für Kinder illustrierst?

Es zieht mich ja nicht zu den Texten, die Texte kommen zu mir. Jürg Amman hatte mich angefragt, ich glaube, das Walser-Bilderbuch war ihm aufgefallen. In der Büchner-Adaption befestigte ich das Kind am Faden eines großen Wollknäuels, damit es im All nicht verloren geht. Ich führe es buchstäblich an einem Faden durch die Geschichte. »Der Mond war ein faules Stück Holz«, stand im Text. Faul habe ich dann als dürr interpretiert, damit es nicht gruselig wird.

Wie hast du diesen blau schimmernden Mond aus Ästen mit zwei Gesichtern technisch gemacht?

Die Basis ist flüssige Wasserfarbe. Für die Nuancen der Zeichnung verwendete ich Farbstifte, und für die scharfen Linien die feinste Mine eines schwarzen Kugelschreibers. Ich hatte schon länger von Feder auf Kugelschreiber umgestellt nach einer Entzündung der Arm-Sehne wegen des ewig kontrollierten, winzigen Strichelns mit der Feder. Die Mine rollt locker, das war meine Rettung. Zum Teil arbeitete ich auch mit der Lupe. Einen solchen Mond würde ich heute gar nicht mehr schaffen. Es ist auch eine Frage der Augen.

Du hast 2014 dein letztes Buch im NordSüd Verlag veröffentlicht: Der goldene Schlüssel Nr. 2. Das Buch ist benannt nach dem letzten Grimm-Märchen. Hast du das extra so gewählt, dass dies auch dein letztes Buch ist?

Klar. Das letzte Grimm-Märchen sollte auch mein letztes Buch sein. Der goldene Schlüssel ist das kürzeste der Grimm-Märchen und steht am Schluss ihrer Sammlung. Das Bilderbuch enthält neben meinen beiden Säulenheiligen Brüder Grimm, in zwei Säulen dargestellt, sonst auch viel Autobiografisches. Die Hauptfigur mit Brille, die sich im Laufe der Geschichte in ein Kind verwandelt, das bin ich. Und auch ein Ausflug ist darin verwoben, den ich kurz davor mit einer Freundin gemacht hatte. Wir waren bei Flora im Schloss Appenzell, um den Schlüssel zu einer Hütte auf der Leuenalp zu holen. In der gewölbten, alten Schlossküche gab es Schubladen voller alter Schlüssel. Auch ein zweites Grimm-Märchen kommt im Buch vor, Die zwei Brüder. Das war mein Lieblingsmärchen als Kind, das längste! Meine Mutter las uns jeden Abend Grimm-Märchen vor. Sie erzählte nicht, sondern las hochdeutsch vor. Ohne Märchen wären wir nicht ins Bett. Das wusste sie genau.

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