Fröhliches Tiere-Stapeln

Liedermacher und Autor Bruno Hächler und Illustratorin Laura D’Arcangelo (Serafina-Gewinnerin 2021) stapeln in »Noch einer oben drauf« Tiere in die Höhe. Ein junger Ameisenbär lädt einen Freund nach dem anderen auf den Rücken seiner Mama ein, bis ein ganzer Turm entsteht. Mit feinem Schalk wird eine fröhliche Geschichte mit Einblick in die Lebensräume der verschiedenen Tiere erzählt und illustratorisch brilliant in Szene gesetzt. Julia Ann Stüssi hat beide zum Gespräch getroffen.

Erzählt uns von eurem Schaffensprozess beim Schreiben und Illustrieren von »Noch einer oben drauf«. Wie seid ihr vorgegangen? 

Bruno: »Noch einer oben drauf« ist eine Geschichte, die direkt aus dem Herzen kommt. Ein Foto, das einen Ameisenbären auf dem Rücken seiner Mama zeigte, brachte mich auf die Idee. Vor allem die Tatsache, dass kleine Ameisenbären fast ihr ganzes erstes Lebensjahr auf dem mütterlichen Rücken verbringen, faszinierte mich. Sofort stellten sich in meinem Kopf die ersten Gedanken und Bilder ein. Gibt es einen besseren Platz, um durch die Gegend zu schaukeln und vor sich hin zu träumen? Finden sich da wohl ein paar Freunde, die mitschaukeln wollen? Der Dachs. Die Ente. Der Hase. Und was könnte daraus entstehen? Ein wackeliger Turm … Ich habe die Geschichte mit einem Lächeln im Gesicht geschrieben. Das kam einfach so aus mir heraus.

Es ist eine Geschichte, die direkt aus dem Herzen kommt.

Bruno Hächler

Laura: Ich habe natürlich zuallererst die schöne Geschichte von Bruno gelesen, und das gleich zwei, drei, vier, fünf Mal. Ich habe mich sofort verliebt in den kleinen Ameisenbären, seine starke Mama und die vielen liebevoll beschriebenen Bekanntschaften – und die witzige Handlung. Dann habe ich versucht, die Geschichte auf die Anzahl Seiten eines Bilderbuches aufzuteilen. Gleichzeitig begann ich damit, die Tiere zu skizzieren. Ich erstellte für jedes Tier einen Steckbrief, auf dem ich die Größe, das liebste Nahrungsmittel und seine Eigen- und Besonderheiten notierte und hinkritzelte.

Skizzen von Laura D’Arcangelo aus dem Entstehungsprozess

Dann zeichnete ich mich durch die ganze Geschichte, durch enge, luftige, nasse und dunkle Wohnungen, durch tiefe Höhlen und luftige Höhen, gerade und schräge Türme. Ich zeichnete das ganze Bilderbuch zuerst in schwarzen Linien, löschte, verschob, verkleinerte und vergrösserte, korrigierte, bis das Grundgerüst ungefähr saß. Bis ich wusste, was auf welcher Seite passierte. Wer wo stand, saß, in das Bild hüpfte, flatterte, quackte oder was sie eben sonst so taten, die Ente, der Frosch, das Eichhörnchen und all die anderen Tiere. Ich habe herumgetüftelt und herausgefunden, wie sie sich stapeln lassen und wie hohe Türme mal gut und mal weniger gut dem Wind standhalten können. Als das alles grob stand, kam endlich die Farbe.

Welche Technik hast du bei deinen Illustrationen eingesetzt? 

Laura: Ich habe mit Gouache und Farbstiften auf Papier gemalt, gepinselt, gekritzelt und gezeichnet. Mit Gouache male ich gerne, weil die Farben so schön bunt leuchten. Auch weil Gouache nicht so glänzt wie Acryl, matt trocknet, und weil es sich so schön anfühlt, wenn man beim Malen mit dem Handrücken darüberstreicht. Die Farbstifte geben dann zum flächigen Einsatz der Gouache-Farbe einen tollen Kontrast – und sie eignen sich auch ganz einfach besser, um feine Verläufe oder wilde Haarsträhnen im Fell zu zeichnen.

Was hat dir an dem Buch besonders Spaß gemacht, was war herausfordernd? 

Laura: Ich mag es bunt. Richtig bunt, mit vielen knalligen Farben. Ganz am Anfang fand ich mich jedoch vor einer Bande von Tieren wieder, deren Fell allesamt grau, braun, schwarz, mit etwas wenig Rostrot war. Nicht wirklich bunt. Das stellte für mich zu Beginn eine kleine Herausforderung dar. Auch war es knifflig herauszufinden, wie sich Tiere gut stapeln lassen. Schließlich sollte dabei niemand zerquetscht oder verletzt werden. Dankbar war die schöne Zusammenarbeit mit einem großen, wundervollen und unterstützenden Team – dem ganzen Team vom NordSüd Verlag, meiner Lektorin Andrea Naasan und natürlich auch Bruno Hächler.

Bruno, es gibt auch ein Lied zum Buch? 

Bruno: Ich schreibe zu jedem Bilderbuch einen Song. Das war schon immer so. Die Herausforderung ist, dass man nicht einfach die Geschichte vertont, sondern eigenständig interpretiert. Beim Ameisenbär-Song gab das Hin-und-her-Schaukeln den Groove an.  

Autor und Liedermacher Bruno Hächler auf der Bühne

Laura, kanntest Du Brunos Lieder? 

Laura: Ich bin mit Bruno Hächler im Ohr aufgewachsen. Sein »Schnabeligel« weckt in mir Kindheitserinnerungen. Er wurde bei uns rauf und runter gehör und zählte zu unseren Lieblingen auf langen Autofahrten. Das Ameisenbärenlied kannte ich noch nicht. Eines Morgens im letzten Frühling fand ich aber ein schönes Geschenk in meinem Briefkasten. »Herr Blume« von Bruno Hächler lag da. Sein Musikalbum, auf dem auch der »Ameisebär« drauf ist. Herzlichen Dank an dieser Stelle erneut, lieber Bruno!  Und ich kann sagen: Der »Ameisebär« gefällt mir genauso gut wie der »Schnabeligel«. Vielleicht sogar noch ein bisschen mehr, weil er auf eine ganz besondere Art und Weise nun auch ein wenig zu mir gehört.

Bruno, was war dein erster Eindruck, als du die Bilder von Laura gesehen hast? 

Bruno: Ich war begeistert! Und bei jedem Anschauen entdecke ich etwas Neues. Laura hat den feinen Humor, den Schalk der Tiere bis ins kleinste Detail wundervoll umgesetzt. Auch die knifflige Aufgabe, dass sich vieles im Kopf der Tiere abspielt, hat sie toll gelöst.

Laura hat den feinen Humor bis ins kleinste Detail wundervoll umgesetzt.

Bruno Hächler

Laura, was war dein erster Eindruck, als du das Manuskript erhalten hast? 

Laura: Auch ich war begeistert! Die Geschichte fand und finde ich großartig. Sie ist witzig, bringt einen zum Lachen, sie berührt, und legt einem ein Stückchen Zuhause in die Hände. Dass ausgerechnet ich sie zeichnen durfte, hat mich fast platzen lassen vor Glück.

Bruno, was macht für dich den Reiz am Medium Kinderbuch aus, gerade auch als Liedermacher? 

Bruno: Ich schreibe gerne kurze Geschichten. Geschichten, in denen jedes Wort zählt. Das Wunderbare an Bilderbüchern ist, dass sie auch Erwachsene ansprechen. Ich versuche immer ein bisschen, auf zwei Ebenen zu schreiben. Das mache ich in meinen Liedern übrigens genauso.  

Und für dich, Laura? 

Laura: Das Schönste am Bilderbuch ist für mich, dass man seine Figuren für eine kleine Weile begleiten und für eine etwas längere Zeit in ihrer Welt verweilen darf. Auch, dass man dabei für die Kleinsten bis hin zu den Grössten zeichnet. Kinder sind das großartigste Publikum, aber auch die schärfsten Kritiker. Umso schöner ist es, wenn es einem tatsächlich gelingt, mit dem fertigen Bilderbuch Kinderaugen zum Strahlen zu bringen – und vielleicht sogar die Erwachsenen zu begeistern.

Euer Buch hat eine wunderbare Komik. Was bringt euch zum Lachen? 

Bruno: Ich mag feinen, verschmitzten Humor. Lieber etwas Schalk als den ultimativen Brüller. 

Laura: Ganz bestimmt unser Bilderbuch!

Ein Blick ins Atelier von Laura D’Arcangelo

Was braucht ihr, um arbeiten zu können? 

Bruno: Nicht viel: einen Stift und Papier, einen Computer. Vor allem die Konzentration, mich voll auf eine Geschichte oder ein Lied einzulassen.

Laura: Ich brauche eigentlich auch nicht viel. Meine Werkzeuge. Zum Skizzieren sind das Bleistift, Radiergummi und Papier, manchmal auch mein iPad. Zum Umsetzen sind das ein, zwei, drei Pinsel, ein Glas Pinsel-Wasser, ein Lappen, um den Pinsel daran abzustreichen, Farben und Papier, manchmal auch da mein iPad. Zum Glück habe ich auch einen wundervollen Freund, der mir immer mit guten Ideen, ausgeklügelten Lösungen, einem kritischen Blick und liebevollen Rückmeldungen aushilft, wenn ich mich irgendwo im Dickicht des Bilderbuch-Schaffens verirre. 

Und was inspiriert euch? 

Laura: Das ist so eine Sache mit der Inspiration. Wenn man sie sucht, dann findet man sie meistens ganz bestimmt nicht. An anderen Tagen versteckt sie sich dann in Geräuschen und Gerüchen, in Blattformen auf dem Spaziergang, Zierblumen und Unkraut, in anderen Geschichten, in Träumereien und Luftschlössern, in der Pizzeria um die Ecke, im Muster des Tischtuches vor Ort – oder eben in den schönen Worten einer Autorin oder eines Autors, die man illustrieren darf.

Bruno: Inspiration findet man an jeder Ecke. Aber so ein langer Spaziergang durch London oder Berlin … 

Was kommt als nächstes? 

Bruno: Hoffentlich bald wieder ein neues Buch bei NordSüd. Vorerst geht’s aber mit dem Ameisenbären im Gepäck auf Tour.

Laura: Ganz genau so sieht es auch bei mir aus.

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