Ein Schatz mit großen Ohren

Al Rodins Bilderbuchdebüt »Das kleine Echo« überrascht mit einer eigenwilligen Bildsprache und einer bezaubernden Geschichte. Das kleine Echo lebt aus Schüchternheit ganz zurückgezogen in einer Höhle und kann nur die Geräusche anderer nachahmen. Bis Max auf Schatzsuche in die Höhle gelangt. Als er in Gefahr gerät, findet Echo endlich ihre eigene Stimme, um ihn zu warnen. Ihr Schöpfer Al Rodin kommt aus London, wo er auch heute lebt und arbeitet. Er studierte Kinderbuch-Illustration an der Cambridge School of Art und erhielt 2019 den Sebastian-Walker-Prize. Julia Ann Stüssi hat ihm ein paar Fragen gestellt.

Wie bist du dem »Kleinen Echo« begegnet? 

Zum ersten Mal begann ich während einer langen Wanderung durch das Lake District im Nordwesten Grossbritanniens über »Das kleine Echo« nachzudenken, und zwar in einer wunderbaren, großen Höhle. Als ich an der tiefsten Stelle der Höhle ankam, rief ich laut: »Echo!«, und natürlich gab es einen schönen Widerhall. Das erinnerte mich daran, dass ich es jedes Mal so mache, in jeder Höhle und in jedem Tunnel, den ich je besucht habe. Ich fuhr fort, fröhlich laut »Echo!« zu rufen und den Tönen zu lauschen, die da im Dunkeln herumhüpften. Irgendwann tauchte eine Familie auf und auch sie riefen alle gemeinsam »Echo!«.  

Als ich die Höhle verließ, kam mir ein Bild vor mein inneres Auge, und zwar von einem Echo-Wesen, das in der Höhle zuhause ist, und dessen Aufgabe es ist, die Geräusche um es herum wiederzugeben. Und von einem Jungen, der über Steine hüpft, und das Wesen sucht, das die Echos macht, und von dem Echo, das um jeden Preis versucht, nicht gefunden zu werden.

Ich wollte sehen, dass Echo zu sich selbst findet, die Freude an ihrer Stimme und an der Freundschaft mit Max erfährt.

Al Rodin

Lange stellte ich mir vor, dass die Geschichte mit Max beginnen würde. Ich malte mir aus, wie er mit seinem Kanu voller Ausrüstung in diese magische Höhle paddelt. Doch als die Figur von Echo deutlichere Züge annahm, begriff ich, dass die Geschichte mit ihr beginnen musste. 

Mir war auch wichtig, die Geschichte nicht damit enden zu lassen, dass Echo ihre Stimme findet. Ich wollte die Geschichte nach diesem Moment des Mutes ein bisschen weiterlaufen lassen, wollte sehen, dass Echo zu sich selbst findet, die Freude an ihrer Stimme und an der sich entwickelnden Freundschaft mit Max erfährt. 

Wie kam es, dass du eine alte griechische Sage als Basis für deine Geschichte gewählt hast? Was bedeutet dir die Sage von Echo und Narziss? 

Ich liebe die antike Mythologie. Als Kind habe ich diese Geschichten gelesen und angehört – sie stecken so voller Liebe, Gewalt und Magie. Ich erinnere mich, dass ich damals tiefes Mitleid für Echo empfand, wie sie fast einfror in unerwidertem, halb-unsichtbarem Begehren. Narziss hingegen hat sich für mich immer schwer greifbar und fremd angefühlt. Ich weiß noch, dass ich fand, ihm sei ein Unrecht getan worden, ohne ihn wirklich zu mögen. 

Ovids Version der Geschichte fühlt sich noch tragischer an. Weder Echo noch Narziss kommen darin wirklich gut weg. Gleichzeitig lüftet Ovid den Schleier der verzweifelten Obsessionen beider Figuren auf eindrückliche Weise. Wir erfahren, warum sie sich so verhalten, wie sie es tun. Und wir begreifen ihre existenzielle Hoffnungslosigkeit, die bei beiden gleich groß ist. Die dumme Eifersucht, die dazu führt, dass Narziss unter seinem Fluch leben muss, betrübt mich jedes Mal. Dieser Moment ist für mich besonders menschlich und traurig. 

Aber ich gebe zu, dass ich nicht groß über den antiken Mythos nachgedacht hatte, bis ich schon ziemlich weit in der Entwicklung des Buches war. Ich war zu beschäftigt mit meinen eigenen Gedanken über das kleine Echo. Ihr Charakter kam auf eine so natürliche und drängende Art zu mir, dass mir gar nicht wirklich bewusst wurde, wie sehr ich in alte Fußspuren trat, bis ich bereits tief im Prozess steckte. 

Heute kann ich nicht aufhören, über den Bezug zum Mythos nachzudenken. Ich frage mich, was die Götter von Max halten würden, und ob nicht ein wenig Liebenswürdigkeit die meisten Flüche bannen könnte. Was wäre passiert, wenn Narziss seine Angst vor Echo überwunden hätte, als sie endlich versuchte, zu ihm zu sprechen? Was hätten die Schicksalsgötter dann gesagt? 

Ich finde es wunderschön, dass wir als Spezies so sehr den Drang verspüren, Geschichten über Naturphänomene zu erzählen. Dass wir alles ein bisschen vermenschlichen müssen – sogar die Götter. Seit Geschichten erzählt werden, schreiben wir der Sonne, dem Mond und den Sternen und allem, was dazwischen liegt, Gefühle und Charakterzüge zugeschreiben. Ich bin gerührt und stolz, Teil dieser Tradition zu sein. 

Ich liebe die Anfangsphase [des Buchmachens]. Alles scheint möglich und ich bin ganz aufgeregt.

Al Rodin

Was kommt zuerst, Worte oder Bilder? Wie läuft der schöpferische Prozess ab? 

Ich habe meist eine Idee, dazu ein Bild, manchmal auch zwei. Ich plane das nicht, so passiert es einfach. Nach diesem Anfangsbild bin ich dann ziemlich besessen vom Schreiben und davon, die Geschichte in Worte zu fassen. Ich liebe diese Anfangsphase. Wahrscheinlich beende ich Dinge nur, um wieder Anfangsmomente erleben zu dürfen. Es ist so ein wunderbarer Zustand, wie im Rausch. Alles scheint dann möglich und ich bin ganz aufgeregt. Ich werde sogar jetzt ganz kribbelig, wenn ich nur an dieses Gefühl denke. 

Ich verbringe normalerweise viel Zeit mit Schreiben; es braucht zahlreiche Entwürfe, bis die Geschichte steht. Währenddessen zeichne ich wie besessen immer neue Versionen der Anfangsbilder. Am Ende habe ich ganze Skizzenbücher mit Variationen des mehr oder weniger gleichen Motivs gefüllt. 

Wenn die Geschichte langsam zum Vorschein kommt, beginne ich auch neue Szenen zu skizzieren. Und ab diesem Moment folgt ein ständiges Hin und Her zwischen Text und Bildern.

Wenn man dann mit einem/r Lektor:in oder Artdirector zu arbeiten beginnt, wird der Prozess wunderbar kollaborativ. Obwohl auch da der Punkt kommt, an dem die Arbeit wieder einsam wird und man nur noch malt und malt und malt, und ganz in der Welt seiner Figuren lebt. Dann schickt man seinen Lektor:innen die Arbeit, und der Prozess wird wieder ein gemeinschaftlicher, bis das Ganze eines Tages in den Druck geht. Bücher brauchen Zeit, und ihr Schaffensprozess überdauert viele verschiedene Stimmungen und »Ichs« (SELVES). Das mag ich sehr an ihnen. 

Der Illustrationsstil, den du für das Buch gewählt hast, ist verblüffend. Erzähl mir von den Techniken, die du eingesetzt hast. Wie findest du deine visuelle Sprache?

Mein Ansatz ist ziemlich einfach: Ich versuche, Sachen zu machen, die mich selbst visuell ansprechen und die auf der emotionalen Ebene kommunizieren. Ich spiele und experimentiere schier endlos mit Materialien. Alles beginnt in meinen Skizzenbüchern, wo ich mit Materialien herumwüte und schaue, was passiert. Wohin ich auch gehe, immer habe ich mindestens zwei Skizzenbücher in verschiedenen Größen dabei, eine Schachtel mit Stiften und Bleistiften, etwas Kohle und einen kleinen Wasserfarbkasten. 

Ich habe immer mindestens zwei Skizzenbücher dabei, eine Schachtel mit Stiften und Bleistiften, etwas Kohle und einen kleinen Wasserfarbkasten.

Al Rodin

Oft passieren in Skizzenbüchern kleine, magische Unfälle. Dann muss ich vielleicht ein paar Schritte zurück machen, um herauszufinden, wie etwas passiert ist, damit ich es wiederholen kann. 

Irgendwie habe ich mir bei der Arbeit an »Das kleine Echo« angewöhnt, mit Acrylfarbe zu zeichnen. Bleistift benutzte ich nur dann, wenn ich mich sehr unsicher fühlte. Ich arbeitete meist mit Acryl, Wasserfarben und Collage, aber im Prinzip kann ich mich zu jedem beliebigen Material hingezogen fühlen, wenn es sich für eine bestimmte Stelle der Geschichte richtig anfühlt. Für die Geschichte, an der ich momentan arbeite (»Lia und Lion«), sind das fast ausschließlich Ölfarbe und Tuschzeichnungen. 

Eine Doppelseite in »Das kleine Echo« (sie zeigt einen Querschnitt) habe ich als Kaltnadelradierung gemacht, mit kleinen gezeichneten Details in Tinte und Farbe. Ich habe mich lange gesträubt, den Querschnitt als Radierung zu machen, weil ich dachte, dass wäre wahnsinnig mühsam. Aber dann spürte ich, dass es einfach sein musste. Die kratzigen Markierungen und Texturen fühlten sich einfach perfekt an für den Moment, in dem sie graben. 

Ich lasse mich gern überraschen und beharre nicht auf meinen Plänen. Solange die Bilder am Ende die richtigen Gefühle transportieren, bin ich zufrieden. Sie müssen nicht genau dem entsprechen, was ich beim Skizzieren im Kopf hatte. Oft überrascht mich das fertige Bild. Es ist mehr ein Gefühl des Ankommens als eines der Vollendung. Ich mag die Vorstellung, dass es meine Aufgabe ist, zu merken, wenn das Bild angekommen ist, und dann den Pinsel beiseite zu legen. Was manchmal schwierig ist. 

Ich verbringe viel Zeit damit, zu warten, bis die Farbe getrocknet ist, und darüber nachzudenken, wie die Farben zusammenspielen. Meist habe ich ein Skizzenbuch neben mir liegen, in das ich male, während die Schichten trocknen. Ich probiere aus, welche Farben als nächstes kommen könnten. Ich habe großen Spaß an durchscheinenden Glasuren von Acryl und Wasserfarben. Es ist wunderbar zu sehen, wie diese Farben zusammenarbeiten und auf verschiedene Arten miteinander interagieren. 

Für »Das kleine Echo« habe ich ständig versucht, eine Balance zu finden zwischen dem der dunkeln und erdigen Welt der Höhlen und dem bunten Licht und der Magie, die diese spezielle Höhle haben sollte. Diese sollten wachsen und sich ausbreiten können, während Echos Stimme und ihr Selbstvertrauen ebenfalls wachsen. Ich habe ausgiebig die Wasserfarbenbilder von Kandinsky, Chagall und Turner studiert, um diese Balance hinzubekommen.  

Wenn ich mit dem Malen fertig bin, scanne ich meine Arbeit und schaue sie mir am Computer an. Der Scan verändert das Bild immer ein bisschen, aber ich versuche, mich davon nicht stören zu lassen. Es ist Teil des Prozesses, und es bedeutet auch, dass ich relativ locker bleiben kann, wenn ich mit Farbe und Papier arbeite, weil es sich nie nach dem finalen Bild anfühlt. Das ist ein ziemlich nützlicher Trick. Ich bearbeite das Bild, bis ich mit allem zufrieden bin. Und auch hier geht es wieder darum, zu erkennen, wann die Doppelseite funktioniert und ich aufzuhören sollte, daran herumzufummeln. 

Den größten Kick bekomme ich beim Lesen und beim Betrachten von Bildern.

Al Rodin

Was inspiriert dich künstlerisch oder auch im Allgemeinen? 

Sich darüber Gedanken zu machen, ist besonders schön, also vielen Dank für die Frage! 

Den größten Kick bekomme ich wahrscheinlich beim Lesen und beim Betrachten von Bildern. Wenn die Kreativität gerade nicht fließen will, besorge ich mir entweder ein neues Buch oder gehe in eine Kunstgallerie. 

Auf dem Bereich der visuellen Künste sind Lee Krasner, Ben Shahn und William Kentridgte für mich absolute Giganten. Ich liebe sie dafür wie sie arbeiten bzw. gearbeitet haben, und dafür, was sie schaffen bzw. geschaffen haben.  

Ich liebe auch Spaziergänge, besonders unter Bäumen. Die Natur ist endlos inspirierend und großzügig. Es beschämt mich, wie wir sie behandeln. 

Wie sieht dein Studio aus? 

Das Studio, in dem ich zur Zeit arbeite, ist ziemlich toll. Es ist groß und bietet viel Raum für Durcheinander. 

Was brauchst du, um arbeiten zu können? 

Ich mag die Vorstellung, minimalistisch zu arbeiten, tendiere aber dazu, ziemlich instinktiv zu arbeiten. Darum verbrauche ich immer jede Menge verschiedener Materialien. 

Aber was brauche ich wirklich? Ehrlich gesagt bin ich sicher, dass ich ziemlich glücklich wäre mit nichts als einem 4b, einem 8b [Bleistifte], einem Radiergummi und etwas Papier. Wenn du mir oben drauf einen Tuschestift und einen Wasserfarbkasten geben würdest, hätte ich noch mehr Spaß. Meine Liebe zu Wasserfarben hat sich während der Arbeit an »Das kleine Echo« entwickelt.

Was ist für dich besonders am Medium Bilderbuch? Was ist dankbar, was herausfordernd?  

Die Magie liegt für mich in den Möglichkeiten, die sich aus der Kombination von Wort und Bild ergeben. Alles an einem Bilderbuch ist ein Balanceakt. Die Kunst des Lektorierens und der feinsten Entscheidungen sind für mich die geheimen Qualitäten, die den Kern guter Bilderbücher ausmachen. Das liebe ich an ihnen. 

Die Magie des Bilderbuchs liegt für mich in den Möglichkeiten, die sich aus der Kombination von Wort und Bild ergeben.

Al Rodin

Außerdem fasziniert mich am Medium Bilderbuch, dass darin alles zur Metapher wird. Kein Bild kann ein Wort wiederholen und umgekehrt. Nicht einmal die direkteste, dekorativste Illustration tut das. Male mir ein Bild von einem roten Hut – und es wird immer mehr sein als ein roter Hut. Denk nur an die Szene im „Kleinen Prinzen“, in der er eine Schlange zeichnet, die einen Elefanten gefressen hat. Im Zwischenraum zwischen Wort und Bild lagern sich Bedeutungsschichten an, die der Künstler oder die Autorin vielleicht gar nicht beabsichtigt haben. Und das eröffnet den Leser:innen unglaublich viel Raum. Wie die Worte und die Bilder verschmolzen oder separiert, ignoriert oder interpretiert werden – das liegt alles in der Hand der Person, die das Buch liest. 

Ich habe vor kurzem von einem autistischen Kind erfahren, das »Das kleine Echo« gerne immer wieder liest. Aber es liest nur die Bilder und erfindet seine eigenen wunderbaren Geschichten dazu. Das zu hören hat mich glücklich gemacht und ich glaube, darin liegt etwas ganz Besonderes, wofür Bilderbücher Raum schaffen. 

Was möchtest du mit diesem Buch bei Kindern bewirken? 

Mein größter Wunsch für dieses Buch ist, dass es die Phantasie anregt. Wenn es das tut, bin ich überglücklich. 

Was kommt als nächstes? 

Ich versuche gerade, die Bilder für ein Buch namens »LIA & LION« fertigzustellen. Es ist eine Geschichte über ganz viele Dinge, aber vor allem über Freundschaft und darüber, Menschen so zu lieben, wie sie sind. Es ist auch ein Liebesbrief an Sommerwiesen. Dieses Buch zu machen war eine ziemliche Achterbahnfahrt, aber die Geschichte und die Figuren sind meinem Herzen so nahe, dass ich wirklich hoffe, dass es zu den Leuten sprechen wird. In Großbritannien wird es wahrscheinlich im April 2023 erscheinen. 

Danke für diese schönen Fragen! 

Danke dir, lieber Al, für die schönen Antworten.


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