»Das Buch ist eine Umarmung in Zeiten, in denen Umarmungen unmöglich sind«


Die mexikanische Illustratorin Estelí Meza bringt mit »Frieden« ihr erstes Buch mit NordSüd heraus. Estelí hat in Mexiko bereits wichtige Preise für Ihre Arbeit gewonnen und macht jetzt ihr internationales Debüt. »Frieden» wurde geschrieben von Miranda und Baptiste Paul und handelt davon, wie wir alle mit kleinen Alltagshandlungen Frieden schaffen können. Julia Ann Stüssi hat die Illustratorin in Mexiko-Stadt getroffen. 

NSV: Wir freuen uns auf dein erstes Buch bei NordSüd: »Frieden«. Erzähle uns doch ein bisschen von der Entstehungsgeschichte.  
EM: Als ich das Manuskript von NordSüd erhalten habe, klang der Text sofort in mir an. Ich wusste gleich, dass ich Kinder und Tiere in verschiedenen Situationen zeichnen wollte. Gerade als ich mit der Farbgebung begann, kam der Corona-Lockdown in Mexiko-Stadt. Mein Mann und ich verließen die Wohnung in den folgenden Monaten kaum mehr. Zum Glück bin ich es aber gewohnt, zuhause zu arbeiten, ich habe hier mein kleines Atelier. Während diese riesige Stadt vom Virus hart getroffen wurde und die Welt apokalyptisch schien, habe ich mich auf die schöne Botschaft in »Frieden« konzentriert. 

Warum ist dieses Buch wichtig? 
Nun, wir alle brauchen Frieden. Gerade in diesen Zeiten, die für Kinder besonders herausfordernd sind. Meine Illustrationen sollen ein Geschenk für sie sein, das sie hoffnungsvoll stimmt. Ich möchte die Kinder spüren lassen, dass aus jeder Krise etwas Gutes entsteht, wenn wir für einander Sorge tragen. Ich wollte ihnen einen sicheren Raum für Hoffnung geben. Vielleicht ist das Buch wie eine Umarmung für die Lesenden. Es ist eine Umarmung in einem Moment, in dem richtige Umarmungen nicht möglich sind.

Wie hast du diese Botschaft in deinen Illustrationen umgesetzt?
Ich glaube, dass Frieden stark damit zu tun hat, wie wir mit unserer Umgebung umgehen. Wir tendieren dazu, nur an uns selbst zu denken und die Welt um uns herum nicht wahrzunehmen. Ich bin sehr an der fürsorglichen Beziehung interessiert, die zwischen Kindern und Tieren existiert – diese Zuneigung, die beiden Seiten ganz leichtfällt. Diversität ist ein wichtiger Aspekt im Buch: die Kinder kommen aus der ganzen Welt und haben ganz unterschiedliche Hautfarben, die Tiere stehen für die Länder und Kontinente. Für Mexiko habe ich die Monarchfalter gezeichnet, die Kraniche stehen für Asien, der Löwe für Afrika und so weiter. Ich wusste, ich wollte ein Buch mit warmen Farben, in roten und gelben Farbtönen, die gegen Ende des Buches zur Nacht übergehen. 

Gibt es etwas Besonderes zu entdecken? 
Es gibt Details in meinem Buch, die Kinder schnell aufspüren werden, zum Beispiel eine kurze Geschichte zweier Katzen: sie erscheinen auf verschiedenen Seiten, und obwohl man sie nie zusammen sieht, tauchen am Ende plötzlich Babykätzchen auf, deren Fellmuster eine Mischung beider Elternteile ist. Oder: jedes Kind kommt mindestens zwei Mal im Buch vor.  

Hast du eine Katze? Ich habe gerade hinter dir etwas gesehen, das sich bewegt…
Ja! Wir haben sie im Lockdown adoptiert. Sie ist sehr schüchtern und heißt Mascarita Sagrada (kleine heilige Maske), das ist der Name eines Mini-Lucha-Libre-Kämpfers, eines Kämpfers des mexikanischen Kleinwüchsigen-Wrestlings. Wie die normalen Lucha-Libra-Kämpfer tragen sie ihre berühmten Masken. Ist dir aufgefallen, dass viele Katzen ein Muster in der Form eines »M« im Fell über ihren Augen haben? 

Wie beginnst du deine Arbeit?
Zuerst skizziere ich viel. Um mein Denken etwas aufzulockern, zeichne ich mit der linken statt mit der rechen Hand. Ich versuche, mich selbst zu überraschen, während ich die Grundideen im Kopf habe, in diesem Fall Diversität, Frieden, Freundschaft, Zusammenarbeit, Empathie/Mitgefühl. Dann lege ich eine Farbpalette fest. Generell arbeite ich mit Blei- und Farbstiften, Filzstiften und Acrylmarkern. Ich mache kleine Bleistiftskizzen der Bilder, um sie in einem Storyboard zu sehen, und um zu analysieren, wie die Geschichte hinsichtlich der Komposition fließt. Dann mache ich große Skizzen für die Details, immer noch mit Bleistift. Wenn ich etwas ändern will, benutze ich Pauspapier, um die Korrekturen zu übertragen. Durch das häufige Übertragen ist das fertige Bild sehr klar und sauber, ein automatischer Nebeneffekt meiner Arbeitsweise. 

Wie vermischst du diese analogen Techniken mit dem Digitalen?
Wenn ich mit den Farben anfange, male ich Hintergründe und große Flächen. Für dieses Buch habe ich Acrylmarker mit Farbstiften gemischt, um eine Textur zu erhalten, die mir gefiel. Diese Hintergrundbilder scanne ich und bearbeite kleinere Elemente und die Komposition mit Photoshop. Dann drucke ich kleine Bilder für ein schon weiter ausgearbeitetes Mini-Storyboard aus, um zu überprüfen, wie alles zusammenpasst. Gleichzeitig passe ich sie immer weiter an und klebe neuere Bildversionen auf alte, um sie zu vergleichen. In den letzten Jahren habe ich immer digitale und analoge Techniken vermischt. Beides passt gut zusammen und der Gesamteindruck ist weder ganz digital noch ganz traditionell.

Du wurdest in Mexiko-Stadt geboren, wo du heute auch noch lebst. Was ist »mexikanisch« an deinen Illustrationen?
Ich nehme an, was am meisten als mexikanisch wahrgenommen wird, ist mein Einsatz von Farbe. In meinem neuen Buch wähle ich eine sehr bunte Palette, wahrscheinlich ist das einfach in meinem Blut als Mexikanerin. Wenn du hier auf den Markt oder auf die Straße gehst, ist alles so farbenfroh, das Sonnenlicht ist intensiv. Und ich liebe es, Tiere und Pflanzen zu zeichnen, ich finde sie sehr ausdrucksstark. Ob das wohl auch mit Mexiko zu tun hat? Immerhin sind wir sogar hier in der Stadt von tropischen Pflanzen umgeben. 

Du hast einen klingenden, besonderen Vornamen. Was ist die Bedeutung von Estelí? 
Estelí ist eine Stadt in Nicaragua. Ich habe keine besonderen Verbindungen zu dem Land, aber meine Eltern liebten die Bedeutung des Wortes: Fluss der Blumen. 

Was erfüllt dich mit Frieden? 
Mexiko ist ein wunderschönes, aber auch ein sehr kompliziertes Land. Allein in den Nachrichten sieht man jeden Tag schreckliche Dinge. Also braucht man einen Bewältigungsmechanismus. Humor ist dabei wichtig, er hat eine reinigende Funktion und kanalisiert schwierige Energien. Was mir Frieden bringt, ist eindeutig das Zeichnen. Ich muss zeichnen, um zu verstehen, was um mich herum passiert. Wenn ich mein Skizzenbuch und einen Bleistift in den Händen habe, fühle ich mich friedlich. Oder wenn ich mit Menschen, die ich gern habe, spreche und höre, dass es ihnen gut geht. Musik hören, lesen, Bilder und Zeichnungen anschauen, oder einen Kaffee mit Gebäck genießen – das alles sind Momente, die mich mit Frieden erfüllen. 

»Frieden« ist im März 2021 erschienen