»Die Welt ist groß genug für alle«

Rebecca Gugger und Simon Röthlisberger sind die Autoren von »Ida und der fliegende Wal«. Im Februar 2021 erschien ihr neues Buch »Der Berg«. Die beiden arbeiten gemeinsam an allen Aspekten des Kinderbuchmachens und sind auch privat ein Paar. Julia Ann Stüssi hat mit den beiden gesprochen. 

Wie habt ihr die Geschichte von »Der Berg« entwickelt?  
Simon: Der Ausgangspunkt für das Buch war das Thema der eigenen Meinung, und die der anderen. Eine alltägliche Sache. Unterschiedliche Standpunkte treffen aufeinander, die jeweils vehement vertreten und als richtig angesehen werden. Wer hat nun recht? 
Rebecca: Diese lautstarke Meinung, das Sich-behaupten müssen. 
Simon: Der Berg als Objekt schien uns bereits früh als passendes Sinnbild: Von da oben hat man die Übersicht und die Meinungen relativieren sich. 
Rebecca: Wir diskutierten lange über dieses Bild. Der Berg als Bild für eine Meinung, einen Glauben, eine Sache, die jeweils als »richtig und wahr« angeschaut wird. Ich stehe auf der einen Seite des Berges und sehe somit auch nur eine Seite der Sache, du auf der anderen und siehst etwas ganz anderes. Da können wir uns in die Haare geraten. Aber trotzdem ist nichts falsch, beide sehen wir den Berg. Und obwohl jeder in seinem eigenen, beschränkten Radius lebt, kann man von oben den 360°-Grad-Blick haben. Und diese Distanz kann wiederum Nähe schaffen. Denn im Beispiel der Geschichte erkenne ich von oben die Zusammenhänge des Größeren. Erkenne meine kleine Welt, die der anderen – und wie nah diese Welten oft beieinander liegen. 

Dieses Bild ist die Basis eures Buches. Ihr erzählt von sechs Tieren. Jedes hat seine eigene von der eigenen Lebenswelt geprägte Meinung über den Berg, und sie geraten sich deswegen in die Haare. Bis der Zugvogel den nötigen Überblick ins Spiel bringt. Am Ende sind alle Perspektiven wahr. Worum geht es Euch? 
Rebecca: Um Toleranz. Darum, dass andere Sichtweisen die eigene Gedankenwelt bereichern können. 
Simon: Und darum, über den eigenen Tellerrand hinauszuschauen.
Rebecca: Genau. Darum, die eigene Welt und den eigenen Blick zu öffnen, zu sehen: Es gibt ganz viel anderes neben mir, und das hat auch Platz. Das darf anders sein. Und ich darf meine eigene Ansicht haben. Es geht darum, zu merken: Die Welt ist groß genug für alle.

Apropos verschiedene Perspektiven und Meinungen: Ihr arbeitet gemeinsam am Buch. Wie geht das? 
Rebecca: Wir haben beide unseren jeweils eigenen Stil und unsere eigene Denkweise. Bei unserem ersten Buch »Ida und der fliegende Wal« war die Zusammenarbeit eine Art Experiment: Wie machen wir das? Wo treffen wir uns? Geht es überhaupt? Es hat sich herausgestellt, dass es sehr gut geht. 
Simon: Es ist ein ständiges kreatives Hin und Her. Beim »Berg« führte der rege Austausch verschiedener Themen und der Wunsch ein neues Bilderbuch zu gestalten zur Geschichte. 
Rebecca: Weil wir uns schon so gut kennen, läuft unser Zusammenspiel wie von alleine. 

Wie entwickeln sich Text und Bild? 
Simon: Wir machen alles gemeinsam, als Ganzes. Text und Bild sind eine Zusammenarbeit. Die beiden Darstellungsebenen sind nicht getrennt. Wir haben Bilder und Themen in unseren Köpfen. Wir philosophieren und debattieren über den Inhalt und beginnen daneben, ein paar Skizzen zu machen. Es ist eine gesamtheitliche Herangehensweise. 
Rebecca: Genau. Es ist wie ein Gewächs, das in alle Richtungen wächst. 
Simon: Ein Gewächs, bei dem eines zum nächsten führt: Wir beginnen mit einem Wort und gehen von dort zum nächsten. 

Beim Text kann ich mir so ein Pingpong vorstellen. Wie macht ihr das konkret beim Bild?
Rebecca: Die groben Skizzen und das Storyboard machen wir beide. Wir fragen uns: Wie könnte der Bildaufbau sein, wie könnte diese Welt, wie könnten diese Figuren aussehen. Wir diskutieren. Dann tauche ich etwas mehr ins Zeichnen ein. Du involvierst dich wieder mehr bei der Farbgebung, zeichnest aber auch nochmals mit.
Simon: Es ist schwierig, die verschiedenen Teilschritte auseinanderzuhalten. 
Rebecca: Aber du bist digitaler unterwegs als ich. 
Simon: Ja, ich denke stärker aus Sicht der grafischen und farbgebenden Gestaltung her und du eher von der zeichnerischen Seite. 

Wie lange dauert das? 
Rebecca: Nach der ganzen Vorarbeit, dem Storyboard, den Skizzen etc., haben wir uns für zwei Wochen in ein Häuschen im Grünen zurückgezogen. Damit hatten wir schon bei »Ida« gute Erfahrungen gemacht.
Simon: Wir brauchen das Storyboard als Guideline, sind dann zwei Wochen rund um die Uhr an dem Projekt dran. 
Rebecca: Das ist ziemlich exzessiv (lacht). Es ist eine schöne und intensive Zeit. Die Tages- und Nachtzeiten verschieben sich, und jeder ist in seinem Rhythmus. Man taucht voll ein. Und wir genießen es, auch draußen zu arbeiten. Ich brauche sowieso viel frische Luft beim Arbeiten! Der größte Teil der Arbeit entsteht in dieser Rückzugsphase, aber darauf folgen noch viele weitere Zeichnungs-, Überarbeitungs- und Ausarbeitungsstunden.

Mit welchen Techniken arbeitet ihr? 
Rebecca: Zuerst Bleistifte, Farbstifte und Aquarell. Wenn alle Strukturen auf Papier sind, scannen wir sie ein und bearbeiten sie auf dem PC. Es ist immer eine Hybridtechnik, analog und digital. Uns ist das Haptische, der Strich des Analogen wichtig. Aber es gibt kein fertiges, analoges Bild. Es ist eine Collage. 
Simon: Es soll nicht perfekt aussehen, wir mögen die Textur der analogen Bleistiftstriche, den ihnen ganz eigenen Duktus. 

Wo holt ihr eure Inspiration? 
Rebecca: Im Leben an sich, bei den Leuten um uns herum. Inspirierend können kurze Momente beim Einkaufen sein, eine Szene, die einem bleibt, Charaktere die einen anspringen, Begegnungen. Mich interessiert das Zusammenleben, dort wo es »mönschelet« (»menschelt«). 
Simon: In der Natur sicher auch – den Farben, Formen, Musterungen und Strukturen.
Rebecca: Ja, gerade bei den Tieren. 

Habt ihr nach dem Erfolg von »Ida« einen Erwartungsdruck gespürt? 
Rebecca: Bei »Ida« waren wir völlig unbeschwert. Bei »Der Berg« war die Frage, ob das Buch gut wird, schon im Hinterkopf. Aber wir sind beide sonst auch im visuellen Bereich tätig und versuchen die Aufgabe wie einen Auftrag pragmatisch zu begegnen und tauchen ein.  
Simon: Die Freude, am Buch zu arbeiten und etwas Neues zu schaffen, überwiegt zum Glück! Jetzt sind wir sehr gespannt, wie es bei den Lesern ankommen wird. 

Wie unterscheiden sich die beiden Bücher? 
Rebecca: Beim »Berg« hatten wir Lust, etwas Kurzes und Prägnantes zu machen. »Ida« ist poetischer und feiner, und schneidet viele verschiedene Themen an. Hier konzentrieren wir uns auf eines.  
Simon: Ida ist ein etwas «stilleres» Buch. Beim Berg wollten wir verstärkt auf humorvolle Art dem Thema begegnen. Und doch eine gewisse Ernsthaftigkeit nicht ganz aus den Augen verlieren.
Rebecca: Es ist ein stark rhythmisiertes Buch. Das jeweilige Tier erscheint groß, laut, klar. Danach folgt die Welt, in der es lebt. Dann gleich das nächste Tier. Die Struktur ist schlicht. Wir wollten diese Wiederholung. Durch diese Schlichtheit entsteht auch der Witz. 
Simon: Zu Beginn fragten wir uns, ob wir narrativer vorgehen wollten, entschieden uns aber früh für diese Klarheit und den jeweils markanten Wechsel von einem Tier zum nächsten. Dadurch werden die Aussagen der einzelnen Tiere verstärkt und hervorgehoben. 

Was zeichnet für euch ein gutes illustriertes Kinderbuch aus?
Simon: Die Einfachheit – wenn schwierigere Themen vereinfacht dargestellt sind.
Rebecca: Und Witz. Es geht um eine subtile Art, ein Thema darzustellen, auch beim Zeichnen: Nicht alles muss auf dem Blatt sein. Leerräume können auch Inhalte vermitteln. Das Thema soll auf witzige, subtile, skurrile Art auf den Punkt gebracht sein. Das kann laut und kräftig oder auch still und zart dargestellt werden.

Was gibt es Besonderes zu entdecken im Buch? 
Simon: Es gibt kleine visuelle Details, zum Beispiel die kleine Made, die bei der Ameise mit dem Ast hochgehalten wird. Sie taucht später wieder auf. Oder der Fluss, der sich eigentlich durch alles durchschlängelt. Oder das Wollknäuel des Schafes, das sich wie ein roter Faden durch das Ganze durchbewegt. 
Rebecca: Die Charaktere der Tiere – da kann man sich selbst wiedererkennen. Der Bär beispielsweise, der eigentlich der Größte ist, versteckt sich hinterm Baum. Das Schaf wiederum ist zackig und geschäftig, reißt sich zusammen und geht mit entschlossenem Schritt los. 

Warum eigentlich genau diese Tiere? Unter eher typischen Wald- und Bergtieren ist auch ein Oktopus. Warum? Er fällt etwas aus dem Rahmen.   
Simon: Wir haben lange diskutiert, welche Tiere ins Buch kommen und welche nicht. Tatsächlich hatten wir eine größere Auswahl von mehreren Tieren unterschiedlich skizziert. Der Oktopus ist illustrativ natürlich spannend. 
Rebecca: Und auch die Tatsache, dass er nicht ganz reinpasst … – man bleibt ja kurz hängen, wenn man ihn sieht. Da wir unbedingt noch ein Tier aus dem Wasser wollten, dachten wir auch an Bachforellen oder an Lachse, die stromaufwärts schwimmen und so den Berg hoch können …
Simon: … oder Krebschen …
Rebecca: Aber dann kamen wir zum Schluss, den Oktopus drin zu lassen. Es war uns wichtig, dass er als Unpassender auch dazugehört, quasi als Außenseiter. Dass es auch Platz für ihn gibt. 

Der Zugvogel bringt die Tiere dazu, den Berg aus der Distanz zu sehen. Braucht ihr manchmal auch einen Zugvogel? 
Beide: Ja, sicher! 

Wann war das letzte Mal? 
Rebecca: Ich hab’ das Gefühl täglich! Da ist ein Anstoss zur Hinterfragung von festen Denkmustern von aussen stets eine Bereicherung. 
Simon: Du bist auch oft mein Zugvogel! 
Rebecca: Ja danke, gleichfalls! 

Zweifelt einer von euch mehr als der andere? 
Rebecca: (Zeigt auf, lacht) Ich zweifle mehr während dem Schaffensprozess. 
Simon: Ja, aber nicht nonstop! 
Rebecca: Nein, nein. Und wenn wir zweifeln, dann tun wir das zum Glück nicht gleichzeitig und an unterschiedlichen Dingen. Das ist das Schöne an der Zusammenarbeit: Man kann einander aus gedanklichen Einbahnstraßen heraushelfen. Schnell fragt man sich: Reicht das, ist es gut genug, macht es Sinn? Dann braucht es den Anderen, der dich wieder zurückholt und fragt: Worum geht es? Worauf konzentrieren wir uns? 

Was wollt ihr mit dem Buch bewirken? 
Simon: Wir wollen nicht belehren. Wir wollen Fragen stellen, und sie im Raum stehen lassen. Wir wollen keine vorgefertigten Antworten geben.
Rebecca: Wir finden es spannend, wenn ein Bilderbuch eine Geschichte erzählt, wenn Sachen entdeckt werden können, und das Buch aber auch Anlass zu weiteren Fragen geben kann.
Simon: Genau, wenn es einen Anreiz schafft zum Diskutieren. 
Rebecca: Das Schönste ist, wenn ein Buch zum Anlass wird, spielerisch über das Leben, über Beziehungen, über Menschen und das eigene Denken nachzudenken. 

Was möchtet ihr unbedingt mal noch machen? 
Simon: Segeln! Ich bin daran, den Hochseesegelschein zu machen. Wenn es gut geht, sollte ich das dieses Jahr zustande bringen. 
Rebecca: Und weitere Buchprojekte! Da haben wir Lust und Freude weiterzuarbeiten. Bereits entstehen neue Ideen – da kommt noch mehr. 

Darauf freuen wir uns, liebe Rebecca Gugger & lieber Simon Röthlisberger!