Von Eulen und rüstigen alten Damen

Wer die Druckerei Wolfsensberger betritt, merkt schnell, dass er sich an einem besonderen Ort befindet. In der Luft hängt der Geruch nach Farbe. Wenn die »Alte Dame« gerade läuft, erfüllt ein wohliges Knarren und Brummen den großen Raum, dazwischen das helle Klackern der Farbwalzen. Ich bin heute hier, um mitzuerleben, wie die 200 Drucke für unsere Sonderausgabe von »Piatti für Kinder« hergestellt werden. Doch zunächst macht Thomi Wolfensberger, preisgekrönter Steindrucker in vierter Generation, uns noch von seinem wunderbar starken Kaffee. 

Die Kunst von Celestino Piatti entstand analog, er verwendete eine große Bandbreite von Materialien und Techniken. Zwar wurden seine Plakate, Buchcover und Gemälde häufig reproduziert, doch ihr physischer Ursprung springt sofort ins Auge. Bei der Arbeit an «Piatti für Kinder» war uns daher schnell klar: Es soll eine Sonderausgabe mit beigelegtem Druck geben, um diese handwerkliche Dimension erfahrbar zu machen.

Ein glücklicher Fund

Durch glückliche Fügung machte Barbara Piatti, Tochter Piattis und Initiatorin des Vereins »Celestino Piatti – Das visuelle Erbe«, im Privatarchiv der Familie einen Fund – eine originale Linolplatte von 1986/87. Darauf zu sehen: Ein Selbstporträt des Künstlers mit Eule und Pinsel. Das war unser Motiv, und die Drucke konnten nirgendwo anders angefertigt werden als in Druckerei Wolfensberger in Zürich. Ihr war Piatti über Jahrzehnte hinweg eng verbunden. Er besuchte sie regelmäßig und schuf dort Dutzende Lithografien, deren Motive er direkt auf die Steinplatte zeichnete. Im Bildband »Alles was ich male, hat Augen« erinnert sich Thomi Wolfensberger an die zahlreichen Begegnungen mit dem Künstler. 

Auf Stein gemalt

Für eine klassische Lithografie zeichnen Künstlerinnen und Künstler direkt auf Kalksteinplatten. Zahlreiche dieser Platten in verschiedenen Größen lehnen an den Wänden der Werkstatt. Die Größten wiegen bis zu 400 kg. Die Druckerpresse der Wolfensbergers ist eine richtige alte Dame, Baujahr 1905. Trotz ihres stolzen Alters ist sie sehr zuverlässig. Wegen ihres Gewichts wurde die Decke unter ihr mit Stahl verstärkt.

Heute wird aber nicht von der Platte direkt gedruckt, sondern mit der Linolplatte. Bevor es losgehen kann, wird diese auf einer Kalksteinplatte fixiert. Nun wird die Farbe, ein typisches Piatti-Blau, auf die Walzen aufgetragen. Diese bewegen sich gegeneinander, sodass die Farbe gleichmäßig verteilt wird. Die Druckfarbe basiert auf hochwertigen Farben und Bindemitteln, die selbst angemischt werden. 

Jetzt wird ein Papierbogen nach dem anderen eingelegt. Dabei ist Teamarbeit gefragt. Thomi Wolfensberger und sein Mitarbeiter Adem Dërmaku sind gut aufeinander eingespielt und sehr konzentriert bei der Sache. Immer wieder wird unter der Speziallampe geprüft, ob das Druckergebnis stimmt. 

Handwerkskunst und Sorgfalt fliesst in jedes Exemplar

Jeder der großen Papierbögen wird zwei Mal bedruckt und erst danach in zwei Teile geteilt. Anschließend geht es ans Reißen – auch das geschieht von Hand und erfordert viel Fingerspitzengefühl. Vor dem Reißen werden die Abstände angezeichnet, indem das Papier mit einer feinen Nadel durchstochen wird. Zum Abschluss bekommt jeder der 200 Drucke einen Stempel auf der Rückseite. Auch dafür wird statt normaler Stempelfarbe eine graue Druckfarbe verwendet, damit der Stempel auf keinen Fall durchschimmert.

Nach dem Stempeln müssen die Drucke über Nacht in einem Trockengestell gelagert werden, damit nichts abfärbt. Am nächsten Tag werden sie nummeriert, in Seidenpapier eingeschlagen, ins Buch eingelegt und durch die Buchschleife komplettiert. Dem Endergebnis sieht man an, wie viel Handwerkskunst und Sorgfalt in jedes einzelne Exemplar geflossen ist – ein Schmuckstück für alle, die Piattis Werk lieben. 

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