Hannes Binder gewinnt Zürcher Kulturpreis 2022

Dirk Vaihinger (Laudator), Hannes Binder, Jacqueline Fehr (Regierungsrätin), Marcel Lüscher und Mirco Häberli (Musiker)

Der Kulturpreis des Kantons Zürich geht 2022 an den Illustrator Hannes Binder. Damit zeichnet der Zürcher Regierungsrat einen etablierten, vielseitigen und innovativen Künstler aus. Die Preisverleihung fand am 13.09.2022 im Literaturhaus Zürich statt. In seiner Laudatio analysiert Dirk Vaihinger die Autoren in Binders Bildern und kreiert so ein Porträt des Künstlers hinter den Bildern. Wir freuen uns, seine Laudatio hier zu teilen.

Am Eingang zur Binz in Wiedikon steht ein altes Industriegebäude. Wenn ich vor der Schranke warte, bis das Üetlibergbähnli vorübergeruckelt ist, und mein Blick bleibt an dem vergilbten Firmennamen auf dem Dach des Gebäudes hängen, kommt mir unweigerlich Hannes Binder in den Sinn. Hans Kaspar Speisefette AG steht dort in grossen, ausgeblichenen Lettern. Aber es ist nicht so, wie Sie jetzt denken – dass mir bei dem Wort Speisefette die beneidenswert jungenhafte Magerkeit des Künstlers vor Augen steht, die er sich bis ins Rentenalter hinein erhalten hat. Nein, vielmehr stammt der Name aus einer anderen Zeit, als hier tatsächlich noch Industrie betrieben wurde und der jugendliche Binderhannes auf seinen räuberischen Streifzügen durch seine heimatlichen Gefilde Wollishofen, Wiedikon und Aussersihl nach Sujets und Perspektiven jagte. Vor allem aber steht dieser Firmenname für eine unüblich gewordene Aufrichtigkeit, eine arglose Unverblümtheit, die in der heutigen Zeit eine leichte Zumutung bedeutet. So sind auch die Illustrationen von Hannes Binder: einladend, deutlich und direkt, dabei aber etwas kratzig, düster und manchmal ein wenig schonungslos.

Ich meine, wer würde heute noch seine Firma ernsthaft Hans Kaspar Speisefette AG taufen und dann auf Kundschaft hoffen? Unter einer Swiss fun taste experience oder einer Happy cooking liquids supply AG ist das doch nicht mehr zu machen. Und tatsächlich, ich habe es nachgeschlagen, heisst die Hans Kaspar Speisefette AG heute Kaspar of Switzerland und ist längst nach Zufikon umgezogen. Im Übrigen wurde sie vergangenes Jahr von der Orkla Food Ingredients Group aufgekauft.

Hannes Binder illustriert bekanntlich nicht mit dem Bleistift und schon gar nicht am Bildschirm, sondern mit dem Federmesser, mit dem er Konturen und Flächen auf beschichtetem Karton freikratzt. Eine Negativtechnik, die seine Illustrationen bis in die feinsten Verästelungen definiert und über die Jahre zu seinem Markenzeichen wurde. Diese Schwarzweissbilder mit der Betonung auf Schwarz sind wohl der Technik geschuldet, hinzu kommt allerdings auch ein Hang zur Verfremdung, eine surreale Note, die dem künstlerischen Ausdruck entspringt. Da ist immer etwas Überschiessendes, Wildes oder Inkommensurables, immer hängt im Bild noch eine fahle Sonne des Futurismo am Himmel oder ein kubistisches Nashorn lugt um eine Ecke, irgendwo sitzt ansatzlos ein Max Frisch im Bildwinkel herum und saugt missmutig an seiner Pfeife, oder auf dem Tisch steht ein Teller mit erstarrten Fuselli ai funghi, den ein hinausgelaufener Ragazzo nicht aufgegessen hat. Kratztechnik und Verfremdung lassen diese Bilder niemals niedlich oder herzig werden, diese Kunst ist nie einem Kitschverdacht ausgesetzt. Darin liegt ihre Spannung: im schönen Schein lauert der Schatten. Oder anders: in der vornehmen, kultivierten Speise steckt immer schon die Zumutung der ordinären Fette.

Da ist immer etwas Überschiessendes, Wildes oder Inkommensurables

Vielleicht liesse sich in einem weiteren Schritt zeigen, wie sich in der Binderschen Kratzspur das Paradebeispiel des schöpferischen Akts als dialektische Bewegung vollzieht, nämlich ein Zeichnen, das durch das Wegkratzen zugleich ein Ausradieren, ein Durchstreichen des soeben Hergestellten ist, ein Erschaffen und Vernichten in derselben Geste. Dieses kunsttheoretische Modell müsste jeden Hobbyhegler und Frankfurter Schüler vor Freude jauchzen lassen. Aber die Dialektik ist ja nun schon seit längerem démodé, und wer weiss, ob sie nochmals aufersteht.

Folgen wir dieser Spur also in einer anderen Richtung. Es ist nicht zuletzt von Peter Bichsel darauf hingewiesen worden, dass Binder in seinen Illustrationen nicht einfach Text bebildert, sondern diesen Bildern seine eigene Lektüre einschreibt, seine Lesart gleichsam schon dazustellt. Binder erweitert den illustrierten Text um seine Assoziation und Imagination. Dazu kommen eine grosse Zitierfreude und ein aussergewöhnlich literarischer Fokus. Binder hat nicht nur sehr viele literarische Klassiker illustriert, sondern es treten auch auffällig viele Literaten, Philosophen, Geistesgrössen auf – insbesondere in seinen eigenen Bildergeschichten. Diese Eigenheit verschafft uns nun die Möglichkeit eines Einstiegs ins Werk. Denn nicht nur der Mann mit dem Messer verfügt über scharfes Handwerkszeug, sondern auch wir, bewandert in der Exegese des vierfachen Schriftsinns, können mit hermeneutischer Analyse die Autoren in Binders Bildern sezieren und ihn selbst damit neu zusammensetzen, also ein Psychogramm und die Biographie des Illustrators daraus erstellen. Vergessen wir also alles, was wir von Hannes Binder wissen, ja, dass es ihn überhaupt gibt. Beginnen wir auf dem leeren schwarzen Karton und kratzen Strich für Strich das Porträt des Schöpfers aus der Deutung der auftretenden Geistesgrössen und ihrer Werke.

Also: Glauser. Klar, unser Künstler ist sicherlich Schweizer, lebt in einer Stadt, könnte Zürich sein, bestimmt im Kreis 6. Aufgewachsen wahrscheinlich in Wollishofen, Kunstgewerbeschule, Grafiker, so was in der Art. Kafka: der Künstler ist in Form von Ehegattin, Töchtern und einer grossmehrheitlich weiblichen Enkelschar umgeben von Frauen, deren resoluter Fröhlichkeit er zuweilen einen entschiedenen männlichen Pessimismus entgegenzusetzen sich gezwungen sieht. Freud: der Künstler fährt auf einem klapprigen Velo herum, träumt zwar schon seit längerem von einem neuen, möchte aber am Grundsatz festhalten, dass man nicht immer gleich alles wegwerfen muss, wenn es doch noch prächtig funktioniert. Gottfried Keller: der Zürcher Künstler ist sesshaft, hat aber als junger Mann einige Jahre im nördlichen und insbesondere im südlichen Nachbarland verbracht, dabei könnte es sich zum Beispiel um Hamburg und Mailand handeln. Max Frisch: unser Künstler besitzt vielleicht ein romantisches Refugium im Tessin und würde dortselbst auch gern mehr Zeit verbringen, wenn matrimoniale Umstände es denn zuliessen.

Dürrenmatt: der Künstler schreibt unter der Hand hin und wieder ziemlich gute Gedichte, frequentiert gemeinsam mit seiner Gattin gesellschaftliche Anlässe und ist überhaupt weitherum ein gern gesehener Gast und beliebter Gastgeber. Seine Frau kocht im Übrigen, darauf scheint Dürrenmatt jedenfalls hinzudeuten, die weltbesten Spaghetti alle vongole und hat hochwahrscheinlich selbst mehrere Kochbücher publiziert. Highsmith: der Künstler hat für Zeitungen, Zeitschriften, Klassikerausgaben Illustrationen, Umschläge – bis hin zum Wochenmagazin Der Spiegel – oder auch Bildkolumnen verfasst, er hat Graphic novels, Comics, Bilderbücher und Bildromane veröffentlicht, daneben im Übrigen auch als Kunstmaler gearbeitet, was weniger bekannt ist, als es sein sollte. Arthur Conan Doyle: der Künstler liebt die Verrätselung. Nicht umsonst gehörte zu einem seiner am längsten dauernden Projekte die Vexierbilderserie im NZZ Folio. Spyri: der Künstler hat viele renommierte Preise und Stipendien erhalten, darunter in letzten Jahren eine grosse Ausstellung im Strauhof und einen längeren Aufenthalt in einer berühmten Lagunenstadt. Welche Stadt das genau war, lässt sich hier nicht mit Bestimmtheit herauslesen

Tetzner: der Künstler mag keine Desserts, überhaupt eigentlich nichts Süsses. Mörike: der Künstler träumt viel, gelegentlich vielleicht sogar von Turmhähnen. Joyce: der Künstler hat an mehreren Hochschulen unterrichtet und sogar gemeinsam mit Gleichgesinnten eine eigene Kunsthochschule gegründet. Leonardo Sciascia: er liebt alles, was zur Italianità gehört, bis hinunter in die Stiefelspitze. Kurt Guggenheim: der Künstler hat ein Flair für Sonderlinge, verkrachte, aber kreative Existenzen, die es im Leben nicht leicht hatten. Canetti: der Künstler besitzt eine Katze. Balzac: er trinkt gern mal ein Glas Rotwein und ist zeitlebens überzeugter Schnurrbartträger. Flaubert: für den Künstler scheint die genaue Recherche ein essenzieller Arbeitsschritt zu sein. Ausserdem mag er keine Dummschwätzer.

Soweit die Deutung. Wenn wir nun dieses durch messerscharfe Analyse gewonnene Porträt des uns unbekannten Künstlers als Folie nehmen und die realen Lebensdaten und Merkmale der Person Hannes Binder darüberlegen, dann stellen wir verblüfft fest, wie exakt das gewonnene Bild mit der Wirklichkeit übereinstimmt. Unfassbar, welche Schlüsse sich aus der literarischen Deutung der Werke im Werk ziehen lassen!

Binders Illustrationen werden nicht alt, sondern sind in ihrer austarierten Spannung zeitlos.

Wenn damit Binders Kunst nun restlos aufgeklärt ist, können wir eigentlich getrost zur Preisverleihung schreiten. Wäre da nicht noch ein offenes Rätsel: die Speisefette. Ich sagte eingangs, sie stammten aus einer vergangenen Zeit. Will ich denn behaupten, Binders Illustrationskunst sei veraltet? Er selbst hat die Unzeitgemässheit verschiedentlich thematisiert und sogar zum Gegenstand seiner Arbeit gemacht. Aber eine Unzeitgemässheit ist das Zeichnen im digitalen Zeitalter nur bedingt. Die Technikentwicklung ist immer eine Erweiterung der medialen Arbeitspalette und also ein Werkzeug, wie das Skalpell, das beim Zeichnen seinen spezifischen Effekt erzeugt. Das Wechselspiel von Malerei, Zeichnen, Druck und digitaler Dimension hat er in einem seiner jüngsten Werke wunderbar in Szene gesetzt. Binders Illustrationen werden nicht alt, sondern sind in ihrer austarierten Spannung zeitlos. Denn erst in der Verbindung der Speise mit den Fetten, oder, wie es der Kulturwissenschaftler Boris Groys einmal beschrieb, in der Verbindung des Sakralen und des Profanen liegt das wesentliche Kennzeichen moderner, nämlich innovativer Kunst. Nicht umsonst gibt es heute verschiedentlich junge Nachahmer der Binderschen Technik, nicht umsonst reihen sich bei Binder auch heute Veröffentlichungen an Preise und Ausstellungen an Veröffentlichungen. Anders gesagt: eine fun scratch art, die es mit Binder ohnehin nicht geben wird, wird auch als Ausdruck unserer Zeit vorübergehen. Bleiben wird die Fähigkeit des genauen Hinschauens und die Erschaffung des treffenden Bildes, sei es nun mit Computermaus, Farbspray oder Messer.

Ein Wort noch zur heutigen Auszeichnung. Hannes Binder hat schon viele in der Buchszene renommierte und international bekannte Preise erhalten. Aber der Kulturpreis des Kantons Zürich ist die mit Abstand bedeutendste Auszeichnung für Binders Werk. Als internationaler Zürcher, als eigenständige und bedeutende Bild- und Textstimme, als kulturelle Grösse, die weit über seine Stadt hinaus wirkt, ist Binder der richtige Adressat und der Kulturpreis die richtige Gewichtsklasse für ein grosses schweizerisches Lebenswerk. Ich danke dem Regierungsrat für seine wie üblich weise Entscheidung, ich gratuliere Hannes Binder zu diesem schönen und gewichtigen Preis. Glückwunsch.

Dirk Vaihinger

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