»Es war so heilsam, im Winter blühende Pflanzen zu schaffen«

Sonja Danowski wurde in Iserlohn geboren. Seit Abschluss ihres Designstudiums in Nürnberg arbeitet sie als Illustratorin in Berlin. Bei ihrer Arbeit liegt ein besonderer Fokus auf Bilderbüchern und darauf, mit Bildern menschliche Erinnerungen zu bewahren. Ihre kolorierten Zeichnungen wurden mehrfach international ausgezeichnet. Jetzt ist ihr neues Bilderbuch »Im Garten mit Flori« erschienen.

Welche Erinnerungen hast du an deine Kindheit? Gibt es da dauerhafte Dinge, die sich in deiner aktuellen Arbeit mit Bleistift und Pinseln zeigen?
An verschiedenen geheimen Orten bewahrte ich kleine Schätze auf, ich liebte es, auf Bäume zu klettern, Suppen aus Löwenzahn zu kochen und von hohen Mauern zu springen. Ich hatte nie Angst zu fallen und sah keine Notwendigkeit, diesen verspielten Zustand jemals zu verlassen. Ich erinnere mich noch daran, wie mich das Älterwerden beunruhigte, oder das, was man sich als Kind unter Erwachsensein vorstellt. Heute habe ich das große Glück, ein Stück weit in den fantastischen Mikrokosmos meiner Kindheit zurückzukehren, wenn ich an meinen Bilderbuchgeschichten arbeite.

Warum hast du dich für Illustration entschieden? Und warum konzentrierst du dich auf das Bilderbuch als Schwerpunkt deiner Arbeit?
Ich habe Bücher immer schon geliebt: durch die Seiten zu blättern, die Buchstaben und Bilder zu studieren, während ich immer tiefer in das Buch hineingezogen werde, um seine innere Welt zu entdecken. Ich kann nicht in Worten ausdrücken, was genau es ist. Es liegt auch ein unbekannter Zauber in der Erstellung eines Bilderbuchs, der mich antreibt und mir versichert, dass meine Zeit richtig investiert war, egal, wie lange es gedauert hat. Der ganze Prozess ist manchmal anstrengend, aber das fertige Buch ist dann wie eine Essenz von allem, was ich hineingesteckt habe. Bücher haben einen bleibenden Wert; sie verlieren nie ihre Bedeutung und können jedes Mal neu gelesen werden. Je länger ich darüber nachdenke, desto mehr wird mir klar, dass ich Bücher und ihre Kreation wirklich sehr mag.

Welche Maler und Illustratorinnen mochtest du in deiner Kindheit?
Zum Laufen lernen hielt ich mich immer am Bücherregal im Wohnzimmer fest und griff nach den Büchern auf meiner Augenhöhe. Darunter war auch ein kleiner Bildband mit Picassos unglaublich schönen Kinderporträts. Das ist meine erste Erinnerung an eine bewusste Wahrnehmung von Kunst. Ich nahm das Buch immer wieder in die Hand. Das »Kind mit Taube« hatte eine magische Wirkung auf mich. Von meinen Bilderbüchern mochte ich besonders Eric Carles »Raupe Nimmersatt« wegen seiner Farben und bezaubernden Insektenlöcher im Papier. Zu diesem Zeitpunkt war mir jedoch noch nicht bewusst, dass die Bilder durch die Zauberhand eines Illustrators entstanden waren, für mich waren sie einfach da – die unersättliche Raupe und der prächtige Schmetterling. Und dann hatte ich ein naiv illustriertes Lieblingsbuch, in dem ein Riesenwal aus Trauer immer kleiner wird und später in einem Tischaquarium landet. Dieser unglückliche Wal hat mich sehr bewegt.

Gab es während deines Studiums einen Illustrationsstil, der dich besonders anzog?
Es gibt verschiedene Stilrichtungen, die ich sehr mag, z. B. naive Illustration, die in den letzten Jahren wieder zum Trend geworden ist. Ich bewundere die Arbeit vieler Illustratoren. Trotzdem wäre ich nie versucht, ihrem Stil zu folgen, da ihre Werke bereits durch das Auge eines anderen Künstlers gefiltert sind. Was mich am meisten reizt, ist meine eigene Bildsprache zu finden, in der ich meine persönliche Sicht auf die Dinge interpretieren kann. Wenn ich mir zum Beispiel einen Baum vorstelle, möchte ich meinen Baum sorgfältig studieren, um ihn auf Papier festzuhalten. Ich möchte seine Blätter (es sei denn, es ist ein Winterbaum) und seinen Stamm und seine Zweige und Vögel darin und alles, was meinen Baum ausmacht, zeigen. Wenn ich vorher nachsehen muss, wie andere einen Baum zeichnen, um ihn dann auf ähnliche Weise darzustellen, könnte es auch ein schöner Baum werden, aber nicht mehr meiner.

Was magst du besonders an deinem Job? Und was nicht?
Ich mag meinen lichtdurchfluteten Arbeitsraum, der auch mein Wohnzimmer ist. Ich mag es, bis spät in die Nacht zu zeichnen. Ich mag es, mir Dinge auszudenken, und ich mag es, mit Kindern und für Kinder zu arbeiten. Mir gefällt besonders, wie sehr meine Arbeit mich mit anderen Kulturen verbindet: Meine Bilder und Geschichten reisen um die Welt, und ich konnte bereits mit ihnen reisen. Ich mag es, dass so viele wundervolle Leute auf dem Gebiet der Bilderbücher arbeiten. Da ich bei der Arbeit völlig auf mich allein gestellt bin, ist das Schaffen eine sehr emotionale Aufgabe. Oft fällt es mir schwer, die richtigen Entscheidungen zu treffen, und mit den Höhen und Tiefen meiner Gefühle umzugehen, die manchmal wie ein unvorhersehbarer Sturm auf mich einwirken. Und was mir auch gerade in den Sinn kommt, sind meine Selbstzweifel, die mir fast immer im Weg stehen. Mit der Zeit habe ich gelernt, sie als Anreiz zu sehen, mich weiter zu verbessern. So habe ich fast gelernt, sie zu mögen.

Deine Illustrationen zeichnen sich durch großen Realismus aus. Inwieweit beruhen sie auf realen Modellen oder realistischen Referenzen?
Wenn ich spazieren gehe, nehme ich meistens meine Kamera mit, um Fotos von diesem und jenem zu machen: von Vögeln, Blumen, Gebäuden und allem, was für kommende Bildideen von Interesse sein könnte. Ich trage auch kleine Fundstücke wie Blätter oder Steine ​​oder was auch immer ich auf meinem Weg finde mit nach Hause. Ein wunderbarer Nebeneffekt ist, dass ich die Umgebung dadurch viel aufmerksamer entdecke.
Als ich das intensive Zeichnen als meine Leidenschaft entdeckte, setzte ich meine ganze Energie ein, um meine Technik zu verbessern. Das Bild einer Pflanze, die bis ins kleinste Detail erkennbar war, war ein echtes Erfolgserlebnis. Irgendwann fand ich es nicht mehr so ​​aufregend und begann, Dinge aus meiner Umgebung mit Bildern aus meiner Fantasie zu kombinieren, sodass Szenen entstanden, die real erscheinen, obwohl sie im wirklichen Leben nie passiert sind. Für das seltsamste meiner Bücher, »Smon Smon«, das auf einem anderen Planeten spielt, habe ich sogar eine surreale Welt entworfen, was völlige Freiheit von realistischer Voreinstellung bedeutete.
Je nach Thema muss ich die Dinge aber vorher sorgfältig recherchieren. Für die Illustrationen zu der Kurzgeschichte »Das Geschenk der Weisen«, die 1906 in New York spielt, musste ich herausfinden, wie die Stadt zu Beginn des 20. Jahrhunderts aussah. Dazu habe ich mir viele alte Aufnahmen angesehen. Das Ergebnis in der Zeichnung ist immer eine freie Interpretation und sieht völlig anders aus als die Referenzfotos. Dies gilt auch für die Bilder von Menschen. Mit wenigen Ausnahmen sind die Figuren in meinen Büchern fiktive Figuren. Es gibt ein Buch, in dem mein Vater erscheint, und auch eines, in dem ich selbst als Referenz fungierte. Das hat das Zeichnen von Gesichtern aus verschiedenen Winkeln viel einfacher gemacht, bei fiktiven Personen ist das nämlich besonders schwierig. Dafür brauche ich meistens mehrere Versuche.

Ein weiteres wichtiges und charakteristisches Element deiner Arbeit ist das Licht. Welche Rolle spielt es in deinen Illustrationen? 
Licht ist eine der magischsten Wahrnehmungsgrößen überhaupt. Es verändert Farben, Formen und Gefühle, lässt Dinge im Dunkeln leuchten oder verschwinden. Wenn ich eine Geschichte illustriere, sehe ich die ganze Handlung wie einen Film vor mir. Alles ist beweglich und dreidimensional. In meinen Bildern gibt es viele Schattierungen, dadurch versuche ich, Plastizität zu schaffen. Dass meine Farben meist recht gedämpft sind, ist ein Ergebnis der Technik, aber auch ein Stilmittel.
Zuerst skizziere ich die Komposition mit Bleistift. Es dauert eine Weile, bis ich genau weiß, wie alles aussehen soll und aus den Schraffuren ein neues Motiv hervorgeht. Ich koloriere dann die vorläufige Zeichnung mit Tinte und Aquarell. Aquarellfarben lassen die Zeichnung glatter erscheinen, erzeugen weiche Übergänge zwischen den Linien, heben Details hervor oder weisen andere dem Hintergrund zu. Die Farbgebung definiert das Licht und die Tiefe des Bildes, während die Bleistiftgrundierung eine besondere Farbstimmung erzeugt.

Alltagsszenen und kleine Details aus dem Alltagsleben sind in deiner Arbeit immer sehr präsent. Was findest du in ihnen? Was trägt der Alltag zu deinem kreativen Prozess und deiner Arbeit bei?
Ich mag es, viele kleine Details hinzuzufügen, damit die Betrachterinnen und Betrachter mit jedem Blick etwas Neues entdecken können. Die Szenen werden immer greifbarer und konkreter, aber gleichzeitig rätselhafter. Ich mag es besonders, Innenräume zu dekorieren, in denen Hinweise auf das Naturell der Bewohner zu finden sind. Viele Erinnerungen hängen mit den Dingen zusammen, die uns umgeben. Ich finde es wirklich spannend, alltägliche Szenen in einem Bild zu beobachten, denn dann nimmt man sie viel bewusster wahr.

Und die Natur? Wie ist sie in deiner Arbeit präsent?
Ich liebe die Natur so sehr, sie ist der größte Schatz der Welt, so vielfältig, reich und wertvoll, dass es die Vorstellungskraft übersteigt. Das macht es so schwierig, sie auf dem Papier darzustellen. Das Zeichnen von Tieren und Pflanzen ist für mich immer eine besondere Herausforderung, und auch die, die mir am besten gefällt.
Die meisten meiner Bücher handeln bisher von Menschen. Menschen sind ziemlich dominant, und wenn sie auftauchen, kommt die Natur normalerweise zu kurz, aber ich versuche immer, ihr so ​​viel Raum wie möglich zu geben. In einem meiner Bücher, »The Forever Flowers«, ist die Winterlandschaft als Ort voller Sehnsucht das Hauptmotiv, und ich habe es besonders geliebt, den großartigen Roman »The Grass House« des chinesischen Autors Cao Wenxuan zu illustrieren. Die Geschichte spielt in einem Dorf im ländlichen China und Cao Wenxuans Beschreibungen der Natur haben mich unglaublich inspiriert.

Was inspiriert dich zum Zeichnen und Gestalten?
Das ist eine gute Frage und ich habe keine eindeutige Antwort darauf, was wahrscheinlich der Beweis dafür ist, dass es viel mit Intuition zu tun hat. Was mich bei der Suche nach einem Motiv ständig inspiriert, sind schöne Sinneseindrücke: Klänge, Töne, Farbschemata, Muster, Formen. Aber alles, was ich wirklich zum Zeichnen brauche, ist ein Bleistift, Papier und etwas Ruhe. Zeichnen und Denken – das lässt sich sehr gut kombinieren; die Hand bewegt sich intuitiv auf dem Papier und es ist nur eine Frage der Geduld, bis etwas Ansprechendes dabei herauskommt. Bei Farben ist es etwas anders. Wenn ich mit Aquarellfarben arbeite, muss ich mich viel mehr konzentrieren. Ich denke dabei nicht an dies oder das, sondern nur an die Farben, ähnlich wie ich beim Rechnen nur noch Zahlen im Kopf habe.
Nicht jeder Tag ist gleich, an manchen Tagen fühle ich mich total kreativ und alles geht mir leicht von der Hand, an anderen bekomme ich kaum einen guten Strich zustande.


Wie wirkt sich das Bilderbuch deiner Meinung nach auf seine jungen Leserinnen und Leser aus?
Wenn wir die Jungen von heute mit guter Literatur versorgen, werden sie die Welt anders sehen und mit offenem Geist und Toleranz in die Zukunft blicken. Jedes Buch hat eine andere Aufgabe. Bücher können informieren oder unterhalten oder mit Gedichten und einer speziellen visuellen Sprache verzaubern. Ein Buch anzusehen, die Farben und Formen zu studieren und in die Ästhetik der Geschichte einzutauchen, kann eine sinnliche Erfahrung sein. Es ist wichtig, Kindern so viele verschiedene Stile wie möglich anzubieten. Mit Hilfe von Büchern können wir auch Einblicke in andere Kulturen und Zeiten gewähren. Ich wünschte, jedes Kind hätte Zugang zu Büchern, Frieden und Freiheit!

Warum magst du es, deine eigenen Geschichten zu schreiben?
Diese Art zu arbeiten liebe ich besonders. Wenn die Handlung auf meiner eigenen Idee basiert, ist sie flexibler, sie kann, wenn ich daran arbeite, immer noch geformt und verändert werden, was ziemlich oft vorkommt, und es kann eine echte Herausforderung sein, sie zu einem endgültigen Ende zu bringen. Ich mag die Überraschungen und auch die Höhen und Tiefen während des Entstehungsprozesses. Es ist auch eine Erleichterung, dass ich keinen Druck von außen habe. Es gibt keine Abgabefrist und anfangs muss noch niemand mögen, was ich mache. Ich zeige es keinem Verlag, bis ich bereit bin. Ich nehme mir so viel Zeit wie ich brauche.

Was muss eine Geschichte haben, um dein Herz zu erreichen, und damit du sie illustrierst?
Wenn mir eine Geschichte anvertraut wird, fühle ich mich immer sehr geehrt. Um mein Herz zu erreichen, muss mich die Botschaft des Textes berühren. Es kann etwas in der sensiblen Beschreibung sein, das meine Fantasie und mein Einfühlungsvermögen anregt und mich zur Seele der Geschichte zieht. Und es muss meine Fantasie so anregen, dass ich mir zutraue, den Text mit meinen Bildern zu ergänzen, um die Botschaft zu verstärken. Ich fühle mich besonders von zufälliger Poesie und liebenswerter Verrücktheit angezogen, von Dingen, die mich an meine eigenen Träume, Ängste und Erfahrungen erinnern, oder von Geschichten, die mit überraschenden Ideen aufwarten.
Einige Texte sind für mich schon so stark, dass ich das Gefühl habe, sie bräuchten gar keine Bilder. Und leider ist es schon passiert, dass ich eine berührende Geschichte aus Zeitgründen ablehnen musste. Da meine analoge Illustrationstechnik sehr zeitaufwändig ist, begleitet mich das Illustrieren eines Buches für viele Monate oder sogar Jahre.

Welche Projekte beschäftigen dich derzeit und in naher Zukunft?
Ich habe gerade ein weiteres Bilderbuch fertiggestellt, das auf meiner eigenen Idee basiert. Es ist soeben bei NordSüd herausgekommen und es heißt »Im Garten mit Flori«. Es war so heilsam, in den tiefsten Wintermonaten blühende Pflanzen zu schaffen. Für die Fertigstellung dieses Buches habe ich… Moment, ich habe aufgehört zu zählen… es müssen mindestens anderthalb Jahre gewesen sein. Und momentan arbeite ich an einem anderen Bilderbuch, das mir sehr gut gefällt, weil es sich ein wenig von dem unterscheidet, was ich zuvor gemacht habe. Das Projekt befindet sich jedoch immer noch in einem flexiblen Zustand, in dem jede Aussage darüber morgen schon wieder überholt sein könnte.

Das Interview führte Javier Sobrino von Revista Poenza auf Spanisch.