Es war einmal … und gilt noch immer!

So haben wir Märchen noch nicht gesehen! Der neue Sammelband »Brüder Grimm« vereint 18 grimmsche Märchen mit einem modernen Anstrich. Feinfühlig nacherzählt von Heinz Janisch und frisch gestaltet vom Berliner Illustratoren-Duo Golden Cosmos. Wir haben alle drei zur Arbeit am Buch und ihrem Blick auf die Märchen gefragt.

Heinz, du schreibst seit Jahrzehnten Bücher für Kinder. Nun hast du in »Brüder Grimm« bekannte Märchen nacherzählt. Wie würde der erste Satz eines Märchens lauten, in welchem du der Held bist?

Heinz: Es war einmal ein schüchterner Junge, der einen guten Freund hatte, einen alten Bleistift…

Was hat dich als Kind mit Märchen verbunden, und was verbindet dich heute mit ihnen?

Heinz: Als Kind war jedes Märchen eine Abenteuergeschichte voller Überraschungen. Spannende Herzklopfen-Geschichten. Heute sehe ich in jedem Märchen die Kraft der Verwandlung. Jede Wendung ist möglich, alle Dinge sind beseelt, Tiere können sprechen. Mich haben Märchen beim Schreiben immer ermutigt, das Unmögliche als Möglichkeit mitzudenken.

Zudem bestärken Märchen einen darin, unbeirrt seinen eigenen Weg zu gehen. Wer gut zu Dingen, Tieren und Menschen ist, der wird belohnt werden. Die Märchen sagen: Sei freundlich zur Welt, dann wird sie auch zu dir freundlich sein…

Mich haben Märchen beim Schreiben immer ermutigt, das Unmögliche als Möglichkeit mitzudenken.

Heinz Janisch

Nun hast du für uns 18 Märchen der Brüder Grimm nacherzählt. Was war dir dabei wichtig?

Heinz: Ich wollte sie im Kern nicht verändern, auch den Schauer nicht weglassen, der ihnen innewohnt – aber ich wollte einen klaren, ruhigen, unaufgeregten Ton dafür finden, sie gut lesbar machen. Ich habe sie da und dort gekürzt und entstaubt, aber immer mit Blick auf das Original.

Doris und Daniel, ihr habt dem Sammelband einen frischen, visuellen Rahmen gegeben. Worauf habt ihr hierbei besonders Wert gelegt?

Golden Cosmos: Das Buch vereint ein mannigfaltiges Potpourri an Stilen und Farben, da haben wir nach einem visuellen Konzept gesucht, dass sich einerseits deutlich abhebt aber auch gut in das Buch als Ganzes eingliedern kann. Auch wollten wir weder mit den bestehenden Illustrationen visuell in Konkurrenz treten noch sollten die Illustrationen nur eine dekorative Klammer sein.

Unsere Bilder sollten der Märchenwelt etwas hinzufügen, den Kanon durch einen ungesehenen, gegenwärtigen oder auch universellen Blick erweitern.

Jedes Märchen startet mit einer Aufmacher-Illustration von euch. Wie seid ihr vorgegangen, um ein ganzes Märchen in einem einzigen Motiv zu erzählen? 

Golden Cosmos: Grimms Märchen wurden in den letzten 200 Jahren so oft illustriert und bebildert, da hat man sofort feste Motive im Kopf. Wir wollten unbedingt diese nicht reproduzieren, und wenn überhaupt, war es uns wichtig, sie zu hinterfragen oder damit spielerisch umzugehen. Unsere Bilder sollten sich dennoch nicht zu weit von der Grimmschen Motivwelt bewegen, da sie ja im Kontext der klassischen Illustrationen im Buch anknüpfen sollen.

Wir haben also die Texte analysiert und hinterfragt, was der inhaltliche Kern ist, was uns ganz persönlich daran interessiert oder was wir glauben, wie Kinder sie verstehen würden. Wir haben dann auch Szenen ausgewählt, die bisher nicht so stark im visuellen Fokus standen, wie zum Beispiel den Moment, wo Aschenputtel am Grab ihrer Mutter weint. Das ist unserer Meinung nach ein Schlüsselmoment, denn später wird dieser Baum sie reich beschenken und ihr Schicksal lenken.

Aschenputtel am Grab ihrer Mutter

Formal funktionieren unsere Motive als »Vignetten«,  als fast schon ikonisch verdichtete Motive mit erzählerischen Elementen. Das war eine bewusste Entscheidung, damit sie universeller funktionieren und um sich von den anderen oft ganzseitigen Märchenillustrationen abzuheben.

Heinz, was können Märchen, was andere Genres nicht können?

Heinz: Sie können Dich – im wahrsten Sinn des Wortes – verzaubern. Sie öffnen einen Raum, in dem alles passieren kann.

Doris und Daniel, Märchen und ihre Illustrationen dürfen schaurig wirken, sollen Leser:innen aber auch in fantastische Welten entführen und neugierig machen. Wie habt ihr diesen Balanceakt bei euren Illustrationen gemeistert?

Golden Cosmos: Neugierig machen wollten wir, indem wir eher unbekanntere Motive illustriert haben oder bekanntere Motive weitergedacht haben. Zum Beispiel fanden wir beim Froschkönig die Metamorphose von der Amphibie zum Traumprinzen formal spannend. Die hat Binette Schroeder in der Geschichte so wunderbar gezeichnet. Wir haben uns gefragt, wie viel Frosch steckt denn am Ende noch in dem Prinzen? Oder was passiert eigentlich, wenn so eine Metamorphose durch etwas gestört und nicht ganz bis zum Ende vollzogen wird?

Das ist das schöne, wenn man Grimms Märchen visuell bearbeitet: Alles ist möglich, das Abgrundtiefe und aber auch die Hoffnung und das Glück.

Rotkäppchen und der Wolf

Bei Rotkäppchen war es besonders herausfordernd ein Motiv zu finden, das sich von bestehenden Motiven abhebt. Wir fanden den Satz »Rotkäppchen wusste nichts von Wölfen, also war sie ohne Furcht« so wunderbar, denn das steht im Kontrast zu den Übermacht des riesigen Wolfes und nimmt ihm auch ein Stück weit seine Überlegenheit. Diese Ambivalenz wollten wir sichtbar machen.

Rotkäppchen steht praktisch schon im Maul des riesigen Wolfes aber der kann sein Maul gar nicht zuklappen, denn sie versperrt es. Sie wirkt selbstsicher und furchtlos trotz der ausweglos scheinenden Situation. Das nimmt deutet auch schon den Ausgang der Geschichte an, Rotkäppchen besiegt den Wolf.

Heinz, du wurdest 2024 mit dem renommierten Hans-Christian-Andersen Preis ausgezeichnet. Was bedeutet dir diese Würdigung deiner Arbeit?  

Heinz: Ich war jetzt vier Wochen als »Writer in Residence« in Südkorea. Unglaublich, wie sehr der Andersen-Preis in vielen Ländern wertgeschätzt wird. Das gibt mir ein tiefes Glücksgefühl. Ich vertraue auf meine Fantasie – und meine Geschichten erreichen Menschen in vielen Ländern. Das fühlt sich gut an.

Doris und Daniel, mit welchem Satz würde euer persönliches Märchen enden?

Golden Cosmos: Die beiden Illustrator:innen waren stolz auf ihre beiden Söhne und alle waren lustig und vergnügt und hatten von nun an ein gutes Leben.

Danke für das Gespräch!

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