Ein Atelierbesuch bei Nina Wehrle

Die Schweizer Illustratorin Nina Wehrle wurde als Teil des Illustration-Duos It’s Raining Elephants mehrfach international ausgezeichnet. Heute ist sie Mitbegründerin des Bolo Klubs und teilt ihre Begeisterung für die Sprache der Bilder in zahlreichen Workshops mit Studierenden, Kindern und anderen Profis. Nach mehreren Jahren in Berlin und Hamburg lebt und arbeitet Nina Wehrle heute mit ihrer Familie in Luzern. Anna Freytag durfte sie dort besuchen, einen Blick in ihr Atelier »Studio Streife« werfen und mit ihr über ihr Bilderbuch Schluss. Aus. Basta! sprechen, welches übrigens von der Stiftung Buchkunst zu einem der Schönsten Deutschen Bücher 2026 ausgezeichnet wurde.

Nur wenige S-Bahn-Haltestellen von Luzern entfernt, liegt das Atelier von Nina Wehrle. Neben einer Polizeistation, versteckt hinter einem bunt wuchernden Garten, befindet sich der Eingang, wo mich Nina Wehrle herzlich empfängt. Das Atelier teilt sie sich mit anderen Künstler:innen. Deren Zimmer und eine Gemeinschaftsküche gehen vom Flur ab. Man findet nur wenig freie Fläche an den Wänden – überall hängen Kunstwerke in verschiedenen Stilen, von verschiedenen Menschen und geben den Räumen das gewisse Etwas. Dort, wo Nina Wehrle arbeitet, steht ein großer Tisch in der Mitte des Raums. Daneben ein Regal mit ihren liebsten Kunstwerken – zur Inspiration, wie sie sagt. Eine große, mit weißen Balustern umrandete Dachterrasse grenzt direkt an, wo wir Eiskaffee trinken und uns über ihr Schaffen rund um ihr Bilderbuch Schluss. Aus. Basta! unterhalten.

In diesem Buch geht es wild einher: Es beginnt ein rotzfreches Hin und Her, ein lautes Entweder-oder, mit jedem Umblättern ein Überraschen. Kein Stein bleibt hier auf dem anderen. Kindliche Verspieltheit und starke grafische Bildsprache treffen aufeinander. Das mit Sonderfarben ausgestattete Buch im Hochformat ist ein Erlebnis für alle Sinne: Es bellt, es furzt, es knallt und muss besonders laut vorgelesen werden. Schluss. Aus. Los!

Nina, wie kam die Idee von Schluss. Aus. Basta! zu dir?

Die ist mir von unterschiedlichen Seiten zugeflattert. Ich habe verschiedene »Zutaten« miteinander verwoben, die ursprünglich nicht viel miteinander zu tun hatten, und plötzlich ergab es irgendwie Sinn. Hinter der Geschichte stand aber auch der Versuch, den manchmal rohen Tonfall und die Drohkulissen von Kindern zu verstehen und in eine teilweise lustige, verdaubare Geschichte zu verwandeln, die mehr Fragen stellt als Antworten liefert.

Generell liebe ich Bücher und Buchformate jenseits der Norm und Konventionen.

Nina Wehrle

Das Buchprojekt ist während einer Residency entstanden, wofür du mit deiner ganzen Familie für ein halbes Jahr nach Berlin gereist bist. Was hat dich an diesem Ort inspiriert?

Die Residency war mitten im Frohnauer Wald. Es gab dort eine Menge Hunde, Eichhörnchen und ein Trampolin. Unsere Kinder reagierten anfangs mit fantastischem Übermut und Überforderung auf die neue Umgebung. Sie gaben den Takt vor und mein Partner und ich versuchten beide, das Erlebte in Bildergeschichten zu verarbeiten.  

Wie wird aus deinen Ideen ein Bilderbuch? Wie sehen deine Arbeitsschritte aus?

Es beginnt mit dem Sammeln, Zeichnen und Schreiben in losen Fragmenten. Die Ideen formieren sich dann zu kleinen Storyboards. Das Storyboard wird immer weiter bearbeitet, bis der Rhythmus und der Gesamtbogen stimmen. Dann kommt die Suche nach der passenden Bildsprache und Reinzeichnung und am Ende folgen die Typographie und Details der Buchgestaltung.

Das Bilderbuch hat ein untypisches Format. Mit 13,5 × 32 cm ist es recht schmal und sehr hoch – wieso sollte es so aussehen?

Das Buch ist so hoch und schmal, um die Distanz zwischen den Hunden auf dem Boden und dem Eichhorn auf der Baumkrone zu betonen. Zudem reizte es mich, diese Vertikale immer wieder aufzubrechen und mit zunehmender Dynamik zwischen den Protagonisten aufzulösen. Generell liebe ich Bücher und Buchformate jenseits der Norm und Konventionen. 

Was waren deine größten Herausforderungen bei diesem Projekt?

Ich war mir lange unsicher, ob es gut ist, den Zeichnungsstil so simpel zu halten mit den Outlines und klaren Flächen. Es wirkte aber auch befreiend und frech, bei diesem Buch zeichnerisch brachial zu bleiben und die Show ganz den Charakteren zu überlassen.

Wenn Balz nebenan Gitarre spielt, Beni einen fetten Auftrag verhandelt, Helena zeichnet und Manuel Wildbienen bestimmt, ist die Welt für mich schön und schwer in Ordnung.

Nina Wehrle

Du arbeitest in diesem wunderschönen Atelier in der Nähe von Luzern – auch zusammen mit anderen Illustrator:innen. Was macht es für dich aus, in einer Ateliergemeinschaft zu arbeiten?

Es trägt mich durch den Alltag. Wenn Balz nebenan Gitarre spielt, Beni einen fetten Auftrag verhandelt, Helena zeichnet und Manuel Wildbienen bestimmt, ist die Welt für mich schön und schwer in Ordnung. Der professionelle und freundschaftliche Austausch mit Gleichgesinnten ist für mich essentiell.

Wie kam es zum Namen »Studio Streife« für den Namen der Ateliergemeinschaft?

Das liegt daran, dass im gleichen Haus ein Polizeiposten einquartiert ist. 

Wenn du dich für nur einen einzigen Stift bzw. ein Arbeitstool entscheiden müsstest – mit was würdest du für den Rest deines Lebens illustrieren?

Bleistift – darf ich verschiedene Härtegrade einpacken?

Vielen Dank für den herzlichen Empfang!

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