Alles ist unbekannt, bis du es kennenlernst

Was passiert, wenn wir unvoreingenommen aufeinander zugehen und miteinander reden? Das Bilderbuch Obacht! von Stella Dreis und Kerstin Hau, das am 11. Februar 2026 erscheint, beschäftigt sich genau mit dieser Frage. Wir haben mit dem Duo gesprochen und Einiges über die Entstehung der Geschichte erfahren.

In Obacht! geht es um den Umgang mit dem Unbekannten. Wie habt ihr beide euch eigentlich kennengelernt? 

Kerstin:  Stella und ich haben uns durch dieses Projekt kennengelernt. Nachdem das Manuskript vom Verlag angenommen wurde, erzählte mir Programmleiterin Andrea Naasan, wie sich der Verlag die Illustrationen vorstellt und welche Künstlerin sie dafür im Auge haben. Ich lernte Stellas bisherige Arbeiten kennen und war hellauf begeistert!

Stella: So war es. Obacht! und dem NordSüd-Team sei Dank! 

Kerstin, woher kam dir die Idee zu dieser Geschichte? 

Kerstin: Schon seit Jahren treiben mich Fragen um. Was lässt Menschen wachsen? Was hindert sie daran? Warum stellen sie sich nicht ihren Ängsten? Gleichzeitig nehme ich wahr, wie sich die Weltlage und die politische Landschaft verändern, vermeintliche Gewissheiten wanken. Gesellschaftlich gerät etwas in Schieflage.

Statt sich einzufühlen, hinzuhören und aufeinander zuzugehen, wird schnell verurteilt und distanziert. Zack-zack-zack. Abgewertet, weggeschoben. Dabei lohnt es sich, das Unbekannte, das Unschöne, Unbequeme, anzusehen und anzusprechen. Das Buch entstand also aus einer gewachsenen Idee, über Jahre zur Geschichte gereift.

Obacht! ist direkt, klug und wunderbar schräg.

Stella Dreis

Stella, als du Kerstins Text zum ersten Mal gelesen hast, hast du Mienchen, Wimpf, Wompf, Timpe-Ma und Timpe-Pa gleich vor deinem inneren Auge gesehen? 

Stella: Es war, als würde ich alten Freunden begegnen, die ich seit Jahren nicht gesehen, aber die ganze Zeit in mir getragen habe. Ich liebte sie alle. Mit ihrem Eigensinn und ihrer liebenswerten Verschrobenheit. Mit ihren verzweifelten Versuchen, alles richtig zu machen, sich dabei aber bloß nicht direkt dem großen Unbekannten zu stellen. 

Als Erstes tauchte der Wimpf auf. Nach und nach wimmelte es in meinem Kopf von verschrobenen und knuffigen Wesen. Bis auf Mienchen und das Tier haben sich die ersten Charakterentwürfe im Laufe der Suche kaum verändert. Am längsten habe ich über das Tier gegrübelt. Wie sollte es bloß aussehen und wie viel sollte ich zeigen? Letztendlich entschied ich, dass das Spiel mit Proportionen der beste Weg für mich war, um Kerstins Ideen Gestalt zu geben. Dazu sollten die Figuren unperfekt und eher skizzenhaft bleiben. Für mich eine kleine Herausforderung, ehrlich gesagt.

Ein Blick ins Skizzenbuch von Stella Dreis

Du hast dich für einen reduzierten Stil mit nur einer Signalfarbe entschieden. Warum? 

Stella: Weniger ist mehr, sagt man. Daran glaube auch ich. Jede Geschichte hat ihren eigenen Charakter. Obacht! ist direkt, klug und wunderbar schräg. Gleichzeitig bietet es unterschiedliche Interpretationsebenen. Eine Kombination, die meiner Meinung nach eine enorme Kraft in sich trägt und eine ebenso direkte und kraftvolle Bildsprache verlangt. Die Reduktion war für mich der einzige Weg dorthin, nur so konnte ich mich auf das Wesentliche konzentrieren. Ich hoffe, dass es mir gelungen ist. 

In der Geschichte geht es um den Umgang mit dem Unbekannten. Die Dorfbewohner:innen meiden die direkte Konfrontation. Warum glaubt ihr, ist es einfacher, dem Unbekannten aus dem Weg zu gehen als schnurstracks darauf zu? 

Kerstin: Das Unbekannte kann bedrohlich wirken. Es kann uns aus der Balance bringen, Wege versperren, durchrütteln. Wir verlieren die Kontrolle. Unser Sicherheitsbedürfnis schlägt Alarm. Das stresst uns. Wir empfinden vielleicht Ohnmacht, Angst oder Scham. Das fühlt sich nicht gut an. Unser System verlangt Stabilität. Bekanntes hingegen beruhigt und schenkt Sicherheit. Deshalb beäugen wir das Unbekannte misstrauisch, gehen ihm lieber aus dem Weg oder verfallen in Aktionismus, werden aggressiv, schieben die Verantwortung auf andere. 

Stella: Eine Brücke oder Strasse zu bauen ist eigentlich eine recht anstrengende und komplizierte Sache, aber sie bleibt berechenbar, wir wissen was zu tun ist. Die Risiken, wie Kerstin sie bereits beschrieben hat, bleiben uns erspart. Zumindest glauben wir das. Ich spreche von wir, weil ich glaube, dass jeder von uns eine Straße oder Brücke um das eigene Unbekannte gebaut hat. Sogar ganze Kathedralen werden manchmal gebaut! Die Gründe sind gewiss komplex und sehr individuell. 

Es ist eine Geschichte, die Klein und Groß zu allen Zeiten betrifft und auf viele Situationen übertragen werden kann.

Kerstin Hau

Zu Beginn der Geschichte ist das unbekannte Tier riesig, gegen Ende wird es kleiner. Was hat es mit diesem Kniff auf sich? 

Stella: Angst kann selbst aus einer Fliege ein Monster machen. Gleichzeitig macht sie uns selbst klein und schwach. Ich habe bereits erwähnt, dass ich das Spiel mit den Proportionen als den besten Weg empfand, um Kerstins Ideen Gestalt zu geben. Auf Bildebene bedeutet das konkret, dass zu Beginn, als die Figuren noch Angst vor dem Unbekannten hatten, das Tier im Vergleich zu ihnen riesig sein musste.

Ab dem Moment, in dem das Mienchen das Tier anspricht, beginnt der Wandel und das Tier nimmt seine normale Größe wieder an. Aber vielleicht ändern sie einfach die Figuren und ihr Blick auf das Tier, auf das Unbekannte?

Kerstin: Schrumpft das Tier, weil es sich verändert oder verändern sich die anderen? Das Tier verliert seine Größe und seinen Schrecken, weil Mienchen und die Stadtbewohner:innen es kennenlernen und ihm einen guten Platz zuweisen können. Die Transformation ist Ausdruck von Wachstum, Entwicklung und Integration.

Obacht ist zeitlos und zeitgeistig zugleich. Wie gelingt der Geschichte dieser Spagat? 

Kerstin: Vielleicht gelingt der Spagat, weil es sich um ein universelles Thema handelt. Die Geschichte kann aus verschiedenen Blickwinkeln betrachtet werden: emotional, psychologisch, sozial und kulturell. Die Figuren bieten Identifikation für alle. Die Geschichte lädt zum Nachdenken und Reflektieren über das eigene Verhalten ein, aber auch über gesellschaftliche Werte. Es ist eine Geschichte, die Klein und Groß zu allen Zeiten betrifft und auf viele Situationen übertragen werden kann.

Stella: Ich kann mich Kerstins Worten nur anschließen. Hinzu kommt ihre Begabung, Großes mit Witz und Leichtigkeit zu erzählen und dabei unterschiedliche Deutungsmöglichkeiten einzuweben. 

Kinder sind fast täglich neuen und unbekannten Situationen ausgesetzt. Was können wir uns von ihnen abschauen? 

Stella: Ihre Unvoreingenommenheit, ihre Ehrlichkeit und ihre Fähigkeit, unermüdlich Fragen zu stellen. Ihre unbedarfte und gleichzeitig schöpferische Art, an die Welt heranzugehen, alles aus einem neuen, unerwarteten Winkel zu betrachten, zu denken und miteinander zu verknüpfen – egal, ob richtig oder falsch – berührt mich sehr. Ich liebe es einfach.

Kerstin: Ihre Offenheit und Neugierde. Ihren Mut. Sie interessieren sich, stellen unbedarft Fragen. Sie leben im Moment, sind wissbegierig und lernfreudig, finden kreative Lösungen und nehmen vieles wahr, was Erwachsene übersehen. Die Freude am Prozess ist meist wichtiger als ein perfektes Ergebnis. In all dem liegt Leichtigkeit, und für mich ein Schlüssel zu innerem Wachstum.

Und zuletzt: Welches »Unbekannte« möchtet ihr noch kennenlernen?

Kerstin: Das Land hinter der Zeit.  

Stella: Das Leben mit all seinen Geschenken, die mal besser und mal schlechter verpackt ankommen.

Vielen Dank für das Gespräch!

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