Ein NordSüd-Schulterblick in das Lektorat!
Die wenigsten Menschen wissen, was genau Lektor:innen den ganzen Tag machen. Was aber viele glauben: Als Lektor:in lese man den ganzen Tag Bücher. Heute räumen die NordSüd-Lektorinnen mit so einigen Irrglauben auf; erzählen von ihrem Beruf, was sie antreibt, wofür sie brennen und wie man selber Lektor:in werden kann. Vielen Dank an Andrea Naasan, Alisha Berger, Nina Baggenstos und Leanna Arnold.
Ihr Lieben, was macht man als Lektor:in eigentlich genau?
Andrea: Als Lektorin bist du eigentlich die Geburtshelferin bei Büchern. Von der ersten Idee bis zum fertigen Buch begleitest du die Autor:innen und Illustrator:innen, kommunizierst mit vielen verschiedenen Abteilungen, die alle eine wichtige Rolle bei der Entstehung eines Buches und bei der Vermarktung spielen.
Leanna: Als Lektorinnen sind wir Ideengeberinnen, Seelentrösterinnen, Motivatorinnen und Problemlöserinnen. Das Herz des Lektorats ist die Zusammenarbeit mit den Kreativen an Text und Bild – und drumherum gibt es noch jede Menge Projektmanagement.
Nina: Da kann ich nur ergänzen: Wir feilen an der Geschichte, verhandeln Verträge, brüten über dem Storyboard, lesen, sind Kommunikationsspezialist:innen, setzen Kommas, vernetzen uns, präsentieren, diskutieren über die Papierauswahl, tauchen ab in neue Welten, springen vom einen Buchprojekt zum andern und wieder zurück, drei Mal am Tag.
Alisha: Was kann ich da hinzufügen? Also, wir beschäftigen uns auch mit Übersetzungen, weil wir sehr nah mit unseren Kolleginnen in den USA zusammenarbeiten. Und manchmal kaufen wir eine Lizenz, um ein Buch aus dem Ausland zu veröffentlichen. Wir werden dafür bezahlt, Sprache, Geschichte, und Kunst zusammen zu bringen – was für ein schöner Beruf!
Ich finde, es ist eine wundervolle und erfüllende Aufgabe, Bücher für die kleinsten Leser:innen zu machen. Hier fängt alles an.
Die Begeisterung für Bilder, Geschichten und eben Bücher wird hier geweckt.
Andrea Naasan

Was treibt euch in eurem Beruf an?
Leanna: Mein inneres Kind, das mit Kakao auf einer Blumenwiese sitzt und ganz viele Bilderbücher lesen möchte. Als Kind waren Bilderbücher meine liebsten Bücher, und jetzt als Erwachsene lese ich sie immer noch unglaublich gerne (vor). Und diese genialen Erfahrungen möchte ich auch anderen Menschen ermöglichen.
Nina: Das Gestalten! Wenn es an einer Geschichte was zu feilen gibt, ein Bild zu präzisieren, oder einfach etwas abzurunden, dann kann ich nicht stillsitzen. Das Bücher-Machen eignet sich dafür wunderbar. Und das Machen an sich, denn es gibt immer etwas zu tun, das treibt an.
Andrea: Ich finde, es ist eine wundervolle und erfüllende Aufgabe, Bücher für die kleinsten Leser:innen zu machen. Hier fängt alles an. Die Begeisterung für Bilder, Geschichten und eben Bücher wird hier geweckt. Es ist mir ein Anliegen, dass diese kleinen Leser:innen mit unseren Büchern berührt werden.
Alisha: Wir können uns selbst durch die Figuren in den Büchern besser kennenlernen, auch unsere Beziehungen, Wünsche und Gefühle. Bücher können spiegeln und Fenster sein – wir lernen also in Geschichten auch viel über andere Leute und Länder. Als Lektorin lade ich alle Kinder zum schönsten Fest ein: ein Fest voller Entdeckungen, Weisheit und so viel Spaß.

Euer bisher schönster Moment bei NordSüd?
Nina: Einer meiner schönsten Momente war an einem Nachmittag am Schreibtisch, als ich eben aus einem sehr lebendigen und kreativen Gespräch mit einer Illustratorin gekommen bin, und gemerkt habe, dass ich diese Arbeit sehr sinnvoll finde.
Leanna: Jedes Mal, wenn ich ein frisch gedrucktes fertiges Buch in den Händen halte. Dann haben sich die tausend Klicks am PC und Mails in ein Kunstwerk verwandelt, zu dem ich einen Teil beitragen konnte.
Alisha: Im Allgemeinen habe ich an jedem Arbeitstag meine schönsten Momente. Ich bin vor drei Jahren in die Schweiz gezogen, und ich versuche immer, mein Deutsch zu verbessern. Meine lieben Kolleg:innen bei NordSüd, die viele Arten von Deutsch sprechen, fördern mich immer. Es gibt hier Schweizerdeutsch, Hochdeutsch, verschiedene Dialekte. Es gibt so viele Arten des Deutsch, das habe ich nicht gewusst!
Andrea: Wie Alisha sagt, es gibt in unserem Alltag viele schöne Momente. Einen ganz besonderen Moment möchte ich auch noch nennen: Als ich mein 15-jähriges Jubiläum bei NordSüd hatte, haben meine Kolleg:innen eine Überraschungsparty für mich organisiert. Das war alles geschickt eingefädelt, so dass ich wirklich nichts ahnte. Diese kleine Feier hat mich sehr berührt und gefreut.
Als Lektorinnen sind wir Ideengeberinnen, Seelentrösterinnen, Motivatorinnen und Problemlöserinnen.
Leanna Arnold
Und euer größtes Missgeschick?
Nina: Ein Missgeschick, das um ein Haar hätte passieren können: Als Praktikantin bei NordSüd betreute ich die Info-Mail. Da trudelt so allerlei ein, an diesem Tag auch eine Mail mit dem Betreff »Zusammenarbeit? :-)«, verschickt von Cornelia Funke. Erst hielt ich die Mail für Spam, dann schaute ich genauer hin und war plötzlich sehr froh, dass ich als Kind »Tintenherz« gelesen hatte – die Mail war wirklich von Cornelia Funke, und sie bot uns ein Buchprojekt an.
Alisha: Wir arbeiten fast jeden Tag mit unserer Herstellung, die unsere Bücher für den Druck vorbereiten. Wegen einem sprachlichen Missverständnis habe ich falsche Daten geliefert. Dadurch haben wir fast den Drucktermin verpasst. Hoppla.
Leanna: Kurz vor Druck eines Buches ist mir aufgefallen, dass im Text die ganze Zeit von einem Abendessen die Rede ist – in den Illustrationen war es aber morgens und es wurde gefrühstückt. Zum Glück konnten wir das noch korrigieren.
Andrea: Oft sind es bei der Buchgestaltung ja kleine Missgeschicke mit leider großer Wirkung. Da fällt mir ein Buch ein, bei dem der Name der Illustratorin im Buch falsch geschrieben war. Zwar nicht an prominenter Stelle, sondern in einem kleinen Text über ihre Biografie. Das war schon peinlich!
Habt ihr lustige Anekdoten oder Insider aus dem Team, die ihr mit uns teilen möchtet?
Nina: Es gibt drei Ninas im Verlag! Ich trage den schönen Zusatz Nina »B.«.
Leanna: Wir haben von einer früheren Kollegin einen Entscheidungswürfel geschenkt bekommen, um uns besser entscheiden zu können, wo wir uns ein Mittagessen holen – hier in der Gegend gibt es einfach so viel Auswahl.
Andrea: Unser Lektoratsteam setzt sich aus einer Schweizerin, zwei Deutschen und einer Amerikanerin zusammen. Da kommt es immer wieder zu witzigen sprachlichen Missverständnissen, aber auch Aha-Momenten in den jeweils anderen Sprachen. Ganz am Anfang bei NordSüd dachte ich: Warum gehen eigentlich alle dauernd zur Post? Der Schweizer Ausdruck »poschte gehen« hat aber nichts mit Post zu tun, sondern bedeutet »einkaufen«.


Ein bekannter Irrglaube ist, dass in einem Verlag fast ausschließlich Lektor:innen arbeiten. Über welchen weiteren Irrglauben zur Arbeit als Lektorin müsst ihr dann und wann schmunzeln?
Andrea: Da existieren viele falsche Annahmen! Viele setzen Lektor:in und Autor:in gleich. Dann wird gern mal nachgefragt: »Wenn der Autor den Text für das Buch liefert, was ist dann eigentlich DEIN Job?« Dabei wird übersehen, dass ein Text selten beim ersten Entwurf sitzt. Und natürlich ist Textarbeit nur eine von vielen Aufgaben einer Lektorin.
Leanna: Eine übliche Annahme ist, dass ich selbst die Bücher schreibe oder den ganzen Tag nur Bücher lese. Aber die Bücher schreiben ja die Urheber:innen und ich lese zwar den ganzen Tag – darunter auch viele E-Mails.
Nina: Ich habe ursprünglich Illustration studiert und arbeite nun auf der sogenannten anderen Seite – im Verlag. Weshalb ich immer wieder mal erklären muss, dass ich nicht die Haus-Illustratorin von NordSüd bin. 😉 Unter »Lektorin« können sich nicht alle etwas vorstellen.
Alisha: Als Kinderbuch-Lektorin werde ich oft gefragt, ob ich nicht lieber »echte« Bücher lektorieren würde. Was?!? Kinderbücher sind echte Bücher, aus denen die Inspiration für echte erwachsene Autor:innen entstehen – oder?
Bücher können spiegeln und Fenster sein –
wir lernen also in Geschichten auch viel
über andere Leute und Länder.
Alisha Berger
Traumberuf Lektor:in: Wie schafft man das?
Alisha: Lest! Das ist wirklich, was alle Lektor:innen teilen – eine starke Liebe zum Lesen, mit der wir fast geboren wurden. Alle Bücher, die ich als Kind und bis heute gelesen habe, sind meine besten Lehrer.
Andrea: Ich unterstütze natürlich Alishas Aufruf zum Lesen. 🙂 Ich möchte hinzufügen, dass viele Wege zum Lektorat führen können. Ein geisteswissenschaftliches Studium kann helfen, ist aber keine festgeschriebene Voraussetzung. Hier gilt, was immer gilt: Vertraue auf deinen Berufswunsch, sammle Erfahrungen und sei beharrlich.
Leanna: Ich persönlich habe einfach tausend quatschige Ideen am Tag – wenn ich die nicht in Bilderbüchern unterbringen könnte, wüsste ich gar nicht wohin damit. Aber ansonsten braucht man auch viel Durchhaltevermögen, um ins Lektorat zu kommen. Mit Studium und Volontariat dauerte es sieben Jahre, bis ich offiziell Lektorin war.
Nina: In meinem Fall haben wohl viele kleine Puzzleteile zusammengepasst. Ich wollte, frisch ab Studium, in die Verlagswelt eintauchen. Durfte bei NordSüd als Praktikantin loslegen, habe mich interessiert und engagiert, und dann hat sich das Team neu aufgestellt, und ich saß bald am Schreibtisch, als frisch gebackene Lektorin. Ein großes Glück.


Und welche Eigenschaften sollte man mitbringen, wenn man euren Job macht?
Leanna: Leidenschaftliche Begeisterung für Sprache, Illustrationen und Bücher, außerdem Kreativität und eine Prise Organisationstalent. Es hilft auch, wenn man gerne liest.
Nina: Ich schließe mich Leanna an: Neugierde, Sprachgefühl – für Bild und Text, schnelle Finger wegen den vielen E-Mails, Fantasie, Freude am Gespräch und Freude am Buch.
Andrea: In der richtigen Dosis Geduld und Tatendrang. Das ist für die Arbeit mit Kreativen sicher hilfreich.
Alisha: Flexibilität, viel Humor und dein inneres Kind!
Als Kinderbuch-Lektorin werde ich oft gefragt, ob ich nicht lieber ›echte‹ Bücher lektorieren würde. Was?!?
Alisha Berger
Mit welchen Menschen, egal ob tot oder lebendig, würdet ihr gerne einmal essen gehen?
Alisha: Ursula Nordstrom, die bekannteste Bilderbuchredakteurin in den USA. Sie hat viele klassische amerikanische Künstler:innen entdeckt: Maurice Sendak (Where the Wild Things Are), Margaret Wise Brown (Goodnight Moon), Crockett Johnson (Harold and the Purple Crayon), bsw.
Leanna: Mit Otto Waalkes. Wenn das Essen schlecht wäre, hätte ich trotzdem noch etwas zu lachen.
Nina: Wim Wenders, der kann so gut Geschichten erzählen. Schön wäre auch, wenn sich Johanna Spyri noch dazusetzen würde. Ich glaube, wir hätten eine gute Zeit zu dritt.
Andrea: Ich mag die Lesestimme von Harry Rowohlt sehr. Mit ihm wäre ich sehr gerne einmal essen gegangen, er hatte sicher sehr viel zu erzählen.
Wenn ihr heute nicht Lektorinnen wärt, was wärt ihr dann?
Leanna: Vielleicht Autorin oder Illustratorin – aber das könnte ja auch noch kommen.
Nina: Da gibt es vieles: Reisende Reporterin, Buchbinderin, Illustratorin, Hüttenwartin, Barista, irgendwas mit Theater, oder einfach Sammlerin von schönen Büchern in einer barocken Villa.
Alisha: Ich will immer wissen, wie riesige physische Infrastrukturen funktionieren. Wie vergraben sie diese Internetkabel tief im Ozean? Wie werden Dämme gebaut? Wohin geht unser Müll wirklich? Hätte ich gewusst, dass es solche Jobs gibt, wäre ich vielleicht Bauingenieurin oder Systemingenieurin geworden. In der Zwischenzeit lese ich gerne gute Sachbücher über die Welt des Bauens.
Andrea: In meiner Vorstellung wäre ich vermutlich Kita-Erzieherin geworden, weil ich so gerne mit Kindern zusammen bin. Aber vermutlich habe ich eine romantisierte Vorstellung von dem Beruf. Na dann: Kriminologin.
Vielen Dank für das Gespräch!

Was für spannende und berührende Einblicke! Ich hatte sehr viel Freude beim Lesen und möchte euch für diesen liebevoll erstellten Beitrag danken.
Wie schön, dass es dir gefällt. Vielen Dank!