Bühne frei für Carla Haslbauer

Carla Haslbauer ist eine Illustratorin aus der Nähe von Frankfurt, die seit ein paar Jahren in Luzern lebt. Mit »Die Tode meiner Mutter« erscheint ihr erstes Bilderbuch bei NordSüd. Im Gespräch erzählt sie uns, wie es dazu kam, wieso sich Bilderbuch und Comic wunderbar ergänzen und warum sie früher manchmal von »fremden Frauen« geherzt wurde.

Carla, deine Mutter ist Opernsängerin und steht im Zentrum deiner Geschichte. Willst du uns verraten, wie viel Wahres in der Fiktion steckt?
Ziemlich viel! Teils habe ich einfach Szenen aufgezeichnet, die ich als Kind erlebt habe. Es kam wirklich manchmal vor, dass Nachbarn geklingelt haben, wenn meine Mutter gerade einen hohen Ton gesungen hat, weil sie sich Sorgen gemacht haben. Vor allem welche, die mit Oper nicht viel am Hut hatten. Es kam auch öfter vor, dass ich sie nicht erkannt habe, wenn sie kostümiert war oder eine Perücke aufhatte. Ich hatte dann total Angst vor dieser Frau, die mich die ganze Zeit küssen wollte! Das sind also ganz reale Kindheitserinnerungen.

War es manchmal anstrengend, sich auf diese Weise mit der eigenen Kindheit auseinanderzusetzen? 
Einerseits ist es schön, aus der eigenen Kindheit zu schöpfen und Geschichten daraus zu spinnen. Andererseits ist es schwierig, eine gewisse Distanz zu schaffen, weil ich mich ja nicht eins zu eins abbilden wollte. Den Abstand zu den eigenen Erinnerungen herzustellen war eine Herausforderung, gehört aber zum Prozess. Nur so kann man auch gewisse Freiheiten erlangen und sich von sich selbst lösen. Ich habe mir eine Figur ausgedacht, die so ähnlich ist wie ich, aber andere Dinge tut als ich sie selbst getan habe. 

»Die Tode meiner Mutter« ist aus deiner Abschlussarbeit entstanden. Wie bist du überhaupt auf die Idee gekommen?
Als erstes hatte ich tatsächlich den Titel. Das war von Anfang an »Die Tode meiner Mutter«. Den Satz hatte ich mir irgendwann mal aufgeschrieben, weil ich mal einen Comic darüber machen wollte, über die vielen Bühnen-Tode und Sterbeszenen meiner Mutter. Für die Bachelorarbeit habe ich in alten Skizzenbüchern geblättert und da sprang mir der Titel ins Auge. Meinem Mentor Pierre Thomé hat er sofort gefallen und so kam der Stein ins Rollen. Der Verlag ist zum Glück auch nie auf die Idee gekommen, den Titel zu ändern. 

Wie hat deine Mutter auf deine Abschlussarbeit reagiert?
Die fand es sehr lustig und ist in der Messehalle, in der wir unsere Abschlussarbeiten vorgestellt haben, in lautes Gelächter ausgebrochen. Meine Mutter erzählt als Sängerin ja auch Geschichten, in gewisser Weise. Die Lust am Spinnen von kleinen Geschichten habe ich sicher ein Stück weit von ihr. Früher haben wir das andauernd gemacht. 

Wie lief das ab: Du hast deine Abschlussarbeit fertiggestellt. Später hat sie sich bei NordSüd in etwas ganz anderes verwandelt. Wie war das für dich? Und wie kam es zu dem Kontakt?
Die Bachelorarbeit war im Grunde genommen kein Kinderbuch, eher ein Zwischending aus Bilderbuch und Comic, an kein bestimmtes Publikum gerichtet. Bei der Diplomausstellung 2018 hat eine Dozentin mir Herwig vorgestellt, den Verleger von NordSüd. Später haben wir uns im Verlag getroffen und gemeinsam überlegt, ob ein Kinderbuch daraus werden könnte. Ich habe dann recht lange hin und her überlegt, weil ich auch dringend eine Pause brauchte, nachdem ich so lange intensiv an dem Projekt gearbeitet hatte. Schlussendlich war für mich aber klar: Ich möchte es als Kinderbuch machen. 

Was kannst du uns sonst erzählen über diesen Prozess von der Abschlussarbeit zum Kinderbuch?
Dafür habe ich mehrere Storyboards auf Basis der ursprünglichen Fassung angefertigt. Das heißt, ich habe mich inhaltlich nochmal neu damit befasst. Um als Kinderbuch zu funktionieren, brauchte die Geschichte eine neue Dramaturgie und sollte gleichzeitig auf 48 Seiten komprimiert werden. So sind manche Bilder rausgefallen und neue kamen dazu. Das Endergebnis ist eine bunte Mischung aus neu und alt. Und es gibt auch solche, die ich überarbeitet habe, damit sie mit den neuen besser harmonieren. Vor allem aber habe ich wichtige formale Dinge gelernt, zum Beispiel, dass es einen Vor- und Nachsatz gibt oder dass die Seitenanzahl wegen der Druckbögen immer durch 16 teilbar sein muss.  

Wie gehst du bei der Bildgestaltung vor? 
Bei dem Bild, das die Ankunft in der Oper zeigt, habe ich viele Skizzen gemacht, um den Raum perspektivisch richtig hinzubekommen. Ich habe hin und her probiert, in welche Richtung sich die Figuren bewegen, also mit oder gegen die Leserichtung. Gleichzeitig wollte ich die Biegung der Wand nachvollziehen. Und die Platzierung des Textes spielt auch eine Rolle, klar, das kenne ich vom Comic her. In die Bildkomposition fließt also viel Arbeit. Als Vorbild habe ich verschiedene Bilder des Theaters in Luzern verwendet. Gerade bei den späteren Bildern habe ich viele Vorstudien gemacht, z. B. zu den Möbeln der Familie, weil solche Gegenstände viel über den Charakter und das Leben in der Familie verraten.

Mit welcher Technik arbeitest du?
Die Skizzen entstehen hauptsächlich mit Bleistift. Fineliner taugen mir weniger, weil man damit so präzise sein muss. Wenn die Skizzenphase abgeschlossen ist, zeichne ich nur ganz leicht vor, um das Spontane im fertigen Bild zu erhalten. Manchmal plane ich auch richtig die einzelnen Schritte, z. B. indem ich dort Blätter aufklebe, wo Bereiche von der Grundierung ausgespart werden sollen. Für die Umsetzung arbeite ich am liebsten mit Aquarellfarben und Buntstiften. Lettering und Sprechblasen laufen separat, die werden später eingescannt und verkleinert. Die digitale Nachbereitung fällt bei mir minimal aus. Meist retuschiere ich nur kleine Verschmutzungen und korrigiere die Farben, weil sie beim Scannen etwas verblassen. Vom Abschluss der Skizzen bis zum fertigen Bild brauche ich ungefähr 4 Stunden, die Korrekturen nicht eingeschlossen. 

Du machst auch viel im Comic-Bereich und bist Mitglied des Corner Collective. Was sind für dich wichtigsten Unterschiede zum Bilderbuch?
Im Comic arbeite ich mehr mit Tusche und teils doch auch mit Fineliner, weil so viel Text vorkommt, der gut leserlich sein muss. Das würde sich optisch mit Bleistift beißen, weil beide verschiedene Grauwerte haben. Am Comic gefällt mir das sequenzielle Erzählen in Panels, bei Bilderbüchern geht es mehr um die Bewegung des Blätterns. Beim Comic ist mein Schaffen spontaner, unmittelbarer, das Bilderbuch lässt Raum für Verträumtheit und funktioniert auch stärker über den Raum. Ich finde es wichtig, bei den großflächigen Bildern das Auge zu lenken. Das Zentrum ist am stärksten ausgearbeitet, die Umgebung kann eher skizzenhaft, in gröberen Zügen gestaltet sein. Dass die Zeichnungen dadurch nicht weniger ausdrucksstark werden, ist vielleicht auch meiner Erfahrung mit dem Comic zu verdanken.  Im Buch finden sich auch kleine Tribute an den Comic, z. B. eine Seite mit Vignetten und natürlich die Sprechblasen mit Handlettering. 

Woher nimmst du deine Inspiration?
Am meisten Ideen kommen mir beim Spazierengehen, das mache ich wahnsinnig gerne. Der Jagdinstinkt, den ich dann verspüre, ist manchmal schon fast anstrengend. Den Impuls, etwas zu zeichnen, geben aber immer die Geschichten hinterden Objekten. Das Bild, das dann entsteht, hat wenig mit der Realität zu tun. Ich will auch gar nicht die Realität zeigen, sondern wie ich die Realität sehe. Indem ich etwas in meinem Stil zeichne, kann ich mich stärker damit identifizieren. Zeichnen ist quasi mein Zugang zur Wirklichkeit. 

Was sind deine liebsten Motive?
Fische, ganz klar. 

Würdest du gerne weitere Kinderbücher machen?
Absolut. Sehr gerne etwas rund um Fische und die Unterwasserwelt. Aber es schlummern auch weitere Geschichten aus meiner eigenen Kindheit in mir. Neben meiner Mutter gibt es ja auch noch meinen Vater, der von Beruf Arzt ist, aber daneben auch schriftstellerisch aktiv. Das wäre genug Stoff für eine Fortsetzung. Auf »Die Tode meiner Mutter« folgt also vielleicht irgendwann »Die Leben meines Vaters«. 

»Die Tode meiner Mutter« erscheint im Frühjahr 2021 bei NordSüd.