»Ich reise mit meinen Illustrationen zu neuen Orten – wie die Weltreisende Ida Pfeiffer im 19. Jahrhundert«



Wild, dynamisch, bunt – »Ida und die Welt hinterm Kaiserzipf« ist ein eigenwilliges Debüt. Die Illustratorin Linda Schwalbe macht Ihrer Protagonistin Ida Pfeiffer alle Ehre: Gemeinsam ist den beiden Frauen, die zwei Jahrhunderte trennt, ihre unaufhaltsame Neugier auf neue Horizonte. Wie die Weltreisende damals mit ihren Abenteuern, so Linda Schwalbe heute mit ihren Illustrationen: Beide reisen an neue Orte. Für ihr Buch gewann Linda Schwalbe die Serafina 2020 – den wichtigsten Nachwuchspreis für Illustrator:innen im deutschsprachigen Raum.

Warum hast du Dich für die Geschichte von Ida Pfeiffer entschieden?
Als Kind liebte ich aufregende Abenteuerbücher. Besonders gefielen mir Geschichten mit Protagonistinnen, mit ihnen konnte ich mich identifizieren. Ich wollte mit meinen Freunden in einer Schlossruine leben und alte Geheimnisse erforschen oder über das Meer segeln, genau wie Ida. Leider gab es nicht besonders viele Geschichten über Abenteurerinnen und fast 20 Jahre später hat die Kinderliteratur dahingehend noch immer viel Luft nach oben. Und das, obwohl es unzählige historische Geschichten über Piratinnen, Wissenschaftlerinnen, Künstlerinnen gibt. 

Wie bist Du auf Ida Pfeiffer gestoßen?
Ida Pfeiffer entdeckte ich während meiner Recherchen. Sie war die berühmteste deutschsprachige Reisebuchautorin im 19. Jahrhundert und keiner kennt sie – wie kann das sein? Ich begann, ihre Originalliteratur zu lesen und verliebte mich sofort in sie. Sie war keine Abenteurerin und Freidenkerin im klassischen Sinn, aber in Sachen Neugier und Mut unglaublich inspirierend. 

Kannst du uns vom visuellen Prozess des Buches erzählen?
Bei Idas Reisen ging es darum, in Orte einzutauchen, die sie noch nie zuvor gesehen hatte. Eine ähnliche Erfahrung wollte ich für die Betrachter*innen auf der formalen Ebene schaffen. So entstand ein Kosmos aus abstrahierten Formen und starken Farben. Der Prozess begann mit Skizzen um Idas Figur. Die historische Person war zum Zeitpunkt der Weltreise ungefähr 50 Jahre alt. Aber ich fand den Gedanken schön, eine Figur ohne erkennbares Alter zu entwickeln, sodass sich Kinder und Erwachsene gleichermaßen mit ihr identifizieren können.

Auf welche Herausforderungen bist du gestoßen? 
Eine der größten Herausforderungen zu Beginn war die die Entwicklung der Geschichte. Die historischen Abenteuer von Ida sind so spannend, komplex und zahlreich, ich wollte am liebsten alle erzählen! Das hätte wohl den Rahmen eines Bilderbuches gesprengt. Also begann ich zu verdichten, am Timing zu feilen und überarbeitete das Storyboard ungefähr zehn Mal. Da das Buch mein Bachelorprojekt an der Kunsthochschule war, konnte ich mich auf den Prozess konzentrieren und bekam hierfür Unterstützung und Feedback. 

Wie sah deine Recherche (fachlich und visuell) aus, um die Bilder richtig hinzubekommen? Wie konntest du die Resultate dieser Recherche mit deinem einzigartigen Stil kombinieren?
Zu Beginn der Recherche habe ich versucht, den historischen Kontext zu verstehen, Bilder, Geschichten und Fragmente in einem Mood Board gesammelt, zeichnerisch experimentiert und skizziert. Beispielsweise nahm ich die verschnörkelten, üppigen Biedermeiermöbel und reduzierte sie auf schlichte und lockere Formen. Oder die Hände: ich wollte nicht so unendlich viele Finger malen müssen (dazu war ich wirklich ein bisschen zu faul). Deshalb entschied ich mich dazu, allen Figuren Kugelhände zu geben. Abstraktion und Vereinfachung sind für meine Arbeit wichtige Werkzeuge, um frei meine eigene Perspektive der Geschichte erzählen zu können.

Womit hast du gearbeitet, um die Illustrationen zu schaffen? Ist es dein Lieblingsmedium?
Dieses Buch (mein allererstes Kinderbuch!) habe ich komplett analog mit Acryl auf Karton gemalt. Ich mag das haptische Erlebnis und die Überraschungen beim Farbe mischen, auftragen und dem Spiel mit Nuancen. Am Ende des Tages Farbe an den Fingern und ein physisches Bild in den Händen zu haben ist ein tolles Gefühl. Was sehr romantisch klingt, limitiert mich gleichzeitig extrem (es gibt ein großes Frustrationspotential). Fehler retuschieren oder korrigieren ist viel aufwändiger als bei digitalen Techniken. Es gibt von einigen Bildern beispielsweise fünf Versionen. Ich gebe die Kontrolle über den einzelnen Strich auf und muss mit Unvollkommenheiten umgehen, das ist überraschend und befreiend. 

Woran arbeitest du jetzt?
Zurzeit arbeite ich an meinem nächsten Buch für NordSüd. Das Thema ist noch geheim :-). Und mein letztes Bilderbuchprojekt war eine Sammlung von historischen Frauenorchestern in Europa namens „Jung und fesch!“.

Das Interview führte Mel Schuit auf Englisch für ihren Blog »Let’s Talk Picture Books«.