Die Welt in einem Buch



Die zweifache Gewinnerin der Caldecott-Medaille, der höchsten Auszeichnung für amerikanische Illustratoren und Illustratorinnen, Sophie Blackall, hat in diesem Jahr ein zweifaches Debüt bei NordSüd. Im Frühjahr erschien ihr ausgezeichnetes Buch Hallo Leuchtturm und im Herbst ihr jüngstes Werk Lieber Besucher aus dem All. Hanna Lang hat mit ihr ein Interview geführt und dabei ein wenig mehr über die Entstehungsgeschichte und Hintergründe erfahren.

Was magst du am meisten daran, Autorin und Illustratorin zu sein?
SB: Ich glaube, Zeichnen hat etwas wirklich Magisches. Es gibt keine andere Möglichkeit, jemandem die Bilder in deinem Kopf zu zeigen. Geschichten aus der ganzen Welt zusammenzutragen und passende Illustrationen dazu anzufertigen, lässt mich neugierig bleiben. Und ich glaube, dass Neugier immer auch zu Empathie führt. Ich weiß, wie wichtig mir Bücher als Kind waren, daher ist es eine sehr dankbare Aufgabe, Bücher zu machen, die von Kindern heute gelesen werden. Und es ist ganz besonders toll, wenn sie sie mögen! Ich war in der sehr glücklichen Lage, mit Büchern aufzuwachsen – viele Kinder heute haben dieses Glück nicht. Daher bin ich stolz darauf, Organisationen auf der ganzen Welt zu unterstützen, die Kindern den Zugang zu Büchern ermöglichen.

Wie entwickelst du deine Geschichten und wo entstehen deine Illustrationen normalerweise?
SB: Der vordere Bereich meines Gehirns ist eigentlich immer mit dem Buch beschäftigt, an dem ich momentan arbeite. Auf der einen Seite in der Mitte findet sich das Buch, dass ich zwar skizziert, aber noch nicht zu illustrieren begonnen habe. Auf der anderen Seite das Buch, das schon geschrieben, aber noch nicht gezeichnet ist. Und ganz hinten gibt es einen großen Raum, in dem ein ganzer Haufen neuer Ideen herumspringt. Sie rempeln sich gegenseitig an und ändern andauernd ihre Form. Manchmal verfestigt sich eine dieser Ideen und wird ein Buch. Ich liebe diesen großen, chaotischen Ideen-Raum, darin ist wirklich alles möglich. Aber zwischen dem Ideenchaos und den aufgeräumten Bereichen mit Manuskripten und Illustrationsskizzen liegt ein Labyrinth aus verzwickten Tunneln, in denen manchmal Geschichten verloren gehen. Es gibt so viele Wege von A nach B und eine ganze Reihe an Sackgassen, dass man manchmal wie gelähmt ist. Und da rettet einem eine gute Lektorin das Leben!

Ich verbringe die Hälfte meiner Zeit auf meiner Farm im Bundesstaat New York und einem Studio in Brooklyn, dass ich mir mit drei anderen Kinderbuchautor*innen und –illustrator*innen teile. Der Wechsel zwischen der ruhigen, ländlichen Isolation und der belebten sozialen Gemeinschaft ist für mich perfekt.

Mit welcher Technik und in welchem Stil arbeitest du? Und hat sich das im Lauf deiner Karriere verändert?
SB: Ich arbeite schon sehr lange mit Chinese Ink und Wasserfarben, darauf bin ich durch Zufall gekommen. Die chinesische Tinte wird zu einem Stift gepresst, der in Wasser getaucht und dann auf einem Stein zermahlen wird. Ich liebe diesen Prozess, er erinnert mich an das Zerreiben von Gewürzen, um daraus eine Paste herzustellen. Ich finde es sehr beruhigend. Während ich die Tinte über die Oberfläche des Steines wirbeln lasse, denke ich immer darüber nach, was ich gleich malen werde – all die Schichten auf dem Papier und die Farbtöne, die ich mir überlegt habe. Ich male alle Farbtöne und Schatten mit dieser Tinte. Sobald sie getrocknet ist, gehe ich darüber und ergänze mehrere Schichten mit Wasserfarbe. Das ist der Schritt, den ich zufällig entdeckt habe: chinesische Tinte ist nicht wasserlöslich, wenn ich also mit Wasserfarbe darüber gehe, verschmiert nichts. Stattdessen wirkt es wie ein eingefärbtes Schwarz-Weiß-Bild oder eine manuell kolorierte Lithografie.

»Lieber Besucher aus dem All« enthält ein ausführliches Nachwort, in dem du die Entstehungsgeschichte des Buchs erklärst (so wie auch schon in »Hallo, Leuchtturm«). Was tragen diese Hintergrundinformationen deiner Meinung nach zum Leseerlebnis bei?
SB: Ich habe fast sieben Jahre an »Lieber Besucher aus dem All« gearbeitet, und ohne die Hilfe von Menschen aus allen Ecken der Welt wäre es nie denkbar gewesen. Ich wollte ein Buch über die ganze Welt machen. Allerdings hatte ich die Befürchtung, bestimmte Details müssten zugunsten anderer Einzelheiten außen vor bleiben. Aber immer, wenn ich selbst eine Geschichte lese, sind es vor allem die Details, die mich begeistern, die der Geschichte Substanz verleihen und die mich an sie glauben lassen. Je spezifischer, desto besser! Also habe ich versucht, aus jedem Detail in »Lieber Besucher aus dem All« das Meiste herauszuholen. So, dass alle Einzelheiten besonders und eigenartig und gleichzeitig überraschend und bekannt sind. Ich habe einen Bus gezeichnet, den man im Kongo erkennt, zusammen mit dem alten Kombi meiner Familie mit einem Weihnachtsbaum auf dem Dach. Und einen gebratenen Truthahn aus Nordamerika auf dem gleichen Tisch wie ema datshi, einem bhutanischen Gericht aus geschmorter Paprika und Yakkäse.

Es war eine wunderbare Herausforderung, immer neue Wege zu finden, um aus Szenen heraus- und wieder herein zu zoomen. Ich wollte, dass Kinder und ihre Erwachsenen das Buch in zehn Minuten lesen können und gleichzeitig zehn Minuten auf jeder Seite verweilen wollen. Ich hatte schon immer eine Schwäche für Infografiken, ganz besonders Diagramme aus dem 19. Jahrhundert und Karten aus dem Mittelalter oder Wissenschaftsgrafiken aus der Mitte des letzten Jahrhunderts. Dieses Material habe ich nach Inspiration durchforstet, wie ich detaillierte Informationen konzentriert und gleichzeitig sehr fantasievoll darstellen kann. So wurde die Doppelseite über Tiere eine animierte Prozession von klein nach groß, die Farben, die man zum Ausmalen der ganzen Welt braucht, wurden eine wilde Sammlung aus Farbtuben und der Vogelschwarm formte zusammen einen großen Vogel während seines Fluges.

»Lieber Besucher aus dem All« ist aus der Perspektive eines Kindes geschrieben und gibt seine Sicht auf die Welt wieder, aber alle Einzelheiten wurden von hunderten von Freund*innen und Unbekannten zusammengetragen. Vorschläge für Vogelarten kamen von überall her und die Bezeichnungen der Farbtöne wurden aus über 700 Einsendungen über Instagram ausgewählt. Zu vielen dieser Vorschläge gibt es ganz eigene Anekdoten, die dem Buch noch eine weitere Ebene von Gemeinschaftsgefühl hinzufügen. Jedes Mal, wenn ich zu sehr in der Geschichte hinter einem Namen für einen bestimmten Farbton versunken bin oder zu fixiert auf das genaue Muster einer Erdnussschale war, habe ich einen Schritt zurück gemacht. Und habe daran gedacht, wie unser Planet sich im Weltall weiterdreht und alle diese Menschen beherbergt – alle Menschen, die wir kennen, und viele, die wir noch nie getroffen haben, alles Essen und alles Wasser, die gesamte Kunst und Musik, jede Ameise und jedes Niesen und jedes Komma. Einfach jedes einzelne Atom aller lebenden und nicht lebenden Dinge.

Wenn wir uns daran erinnern, dass wir alle hier zusammen auf der Erde leben, wenn wir uns zum Beispiel von einem vorbeisausenden Kometen dazu inspirieren lassen, mal den Himmel zu betrachten, dann kommen uns für einen kurzen Moment unsere Unterschiede sehr unbedeutend und unsere Konflikte sehr irrelevant vor. So viele Menschen haben zu diesem Buch beigetragen, indem sie etwas aus ihrem Leben mit mir geteilt haben, sei es ein lustiger Name für ein Farbton oder eine Geheimbotschaft in Braille-Schrift. Durch dieses Buch durfte ich Teil einer Gemeinschaft werden, und das war eine der bereicherndsten Erfahrungen des gesamten Entstehungsprozesses. Es war mir wichtig, einige dieser Geschichten mit den Leser*innen zu teilen.

In der Situation, in der sich unsere Welt momentan befindet, hat »Lieber Besucher aus dem All« stark an Bedeutung gewonnen. Wie denkst du darüber?
SB: Als ich mit UNICEF und Save the Children um die Welt gereist bin, hätte ich mir nicht vorstellen können, dass wir uns so bald in einem Lockdown befinden würden. Genauso wenig habe ich die politischen Turbulenzen oder das nahende ökologischen Desaster vorausgesehen. Als ich an »Lieber Besucher aus dem All« arbeitete, habe ich an die Astronauten der Apollo 8-Mission gedacht, die 1968 den Mond umkreisten. Sie drehten sich in einem ganz entscheidenden Moment um und konnten die Erde hinter der Mondoberfläche aufgehen sehen. Das Bild ging in die Geschichte ein.  50 Jahre, nachdem er das Foto aufgenommen hatte, sagte Astronaut William Anders dazu: »Wir sind losgeflogen, um den Mond zu erkunden, und haben stattdessen die Erde entdeckt.« 22 Jahre nach Apollo 8 nahm die Voyager One ein Bild der sechs Milliarden Kilometer entfernten Erde auf: The Pale Blue Dot. Der Astronom Carl Sagan schrieb dazu: »Schaut euch diesen Punkt noch mal an. Das ist hier. Das ist Zuhause. Das sind wir. Darauf leben alle, die du liebst, die du kennst, alle, von denen du je gehört hast. Und jedes menschliche Wesen, das es je gab, hat sein Leben auf diesem Staubkorn inmitten eines Sonnenstrahls verbracht.«

Diese Pandemie hat jede Person auf unserem Planeten beeinflusst. Für einige war sie eine Chance, es etwas ruhiger angehen zu lassen und das Leben ein wenig genauer zu betrachten. Sie hat uns auch die Möglichkeit gegeben, unsere Mitmenschen und die Welt, in der wir alle leben, ein wenig klarer zu sehen. Auf einmal haben wir alle eine gemeinsame Kraft, Dinge zu ändern, von denen wir nicht geglaubt haben, dass wir sie verändern können. Wir haben die gemeinsame Verantwortung, uns mit Dingen auseinanderzusetzen, von denen wir lange gedacht haben, sie gingen uns nichts an.

Im Buch gibt es eine Doppelseite mit vielen realen Personen und ihren Berufen. Wie hast du ausgesucht, wer hier vorkommen soll?
SB: Diese Doppelseite hat wirklich Spaß gemacht! Fast jede Figur, die in »Lieber Besucher aus dem All« vorkommt, ist jemandem nachempfunden, den ich kenne, getroffen oder irgendwo gesehen habe. Das kann an einem Flughafen gewesen sein oder in der U-Bahn, auf dem Markt oder bei einem Picknick im Park. Oder es sind Personen des öffentlichen Lebens (wie Ruth Bader Ginsburg oder Beyoncé) oder Menschen, auf die ich im Internet gestoßen bin. Zum Beispiel Lakhwinder Singh Dillion, ein ehrenwerter australischer Taxifahrer, der einem Fahrgast $6,000 wiedergab, die dieser auf der Rückbank vergessen hatte. Ich hatte besonders viel Freude daran, Berufsklischees umzudrehen. So war es mir zum Beispiel wichtig, dass Köchin und Polizeibeamtin beide weiblich sind, genauso wie die Politikerin. Und sie als Women of Colour darzustellen.

Arbeitest du bereits an deinem nächsten Buch? Falls ja, kannst du uns ein klein wenig dazu verraten?
SB: Nach den ganzen Jahren, die ich mit der Recherche für »Lieber Besucher aus dem All« verbracht habe, arbeite ich jetzt an einer sehr lustigen Geschichte über einen Jungen und eine Katze, die so gar keine positiven Eigenschaften hat. Es heißt »Negative Cat«. Und ich arbeite an einem illustrierten Buch für Erwachsene über das Haus eines meiner Lieblingsschriftsteller: »Proust’s Bedroom«.

Gibt es etwas, dass deine deutschsprachigen Leser*innen über »Lieber Besucher aus dem All« wissen sollten?
SB: Ich bin gespannt, wie die Namen der Farbtuben übersetzt wurden! Wie gesagt, ich habe die Farben aus Vorschlägen von Leuten über Instagram ausgesucht. Und viele der Farbtöne haben wirklich ganz fantastische Entstehungsgeschichten. Die Farbe Guftagoo beispielsweise ist nach dem Wort für Gespräch aus der pakistanischen Sprache Urdu benannt. Schön, oder?