Zurück zu den Wurzeln

Fabienne Heeb über die Herausforderungen bei der Neuauflage von einem Bilderbuchklassiker.

Die Bilder von Käthi Bhend laden zum Verweilen ein; es gibt reichlich schöne Details zu entdecken. Auch wenn man die Illustratorin im Kanton Appenzell Ausserrhoden besucht, begibt man sich auf Entdeckungsreise: bemalte Hölzer im Regal, liebevoll arrangierte Steinchen auf dem Fenstersims, Wurzelstöcke, die an Figuren und Gesichter erinnern. Wie die Natur ihr kreatives Schaffen beeinflusst, ist in ihren Illustrationen deutlich sichtbar. Ein Beispiel ist das Bilderbuch »Im Traum kann ich fliegen«. Für diesen Klassiker zogen wir vor gut einem Jahr eine Neugestaltung in Betracht.

Bücher werden hin und wieder an zeittypische Gestaltungsauffassungen angepasst. Zu überprüfen, ob ein Titel Anpassungsbedarf hat, zählt zu meinen Aufgaben als ArtDirektorin. Wenn der Entschluss für ein Redesign gefasst ist, starte ich meine Arbeit mit einer Vergleichsrecherche. Mit Hilfe dieser schaffe ich einen Überblick, wie sich ein Titel über die Jahre entwickelt hat. Hierfür bietet das NordSüd-Archiv eine gute Grundlage. Ich vergleiche die aktuelle Ausgabe mit den bisher erschienenen. Ich dokumentiere sichtbare Unterschiede und versuche herauszufinden, wann und weshalb Anpassungen stattgefunden haben. Denn, Änderungen passieren selten ohne Grund. Ich frage mich also: Gibt es vergangene Entscheidungen, bei denen man es besser belassen sollte? Was sind Dinge, die überdacht werden können?

Bei »Im Traum kann ich fliegen« sind innerhalb der bei NordSüd erschienen Auflagen kaum Unterschiede festzustellen. Das neue NordSüd-Logo kam zum Einsatz, die Titelei wurde mit einer Biografie ergänzt. Spannender wird es, wenn ich die Originalausgabe (erschienen bei Ravensburger, 1988) hinzuziehe. Nebst Format und Schrift zeigen sich deutliche Anpassungen bzw. Eingriffe bei den Bildern.


Einiges scheint für die NSV-Ausgaben wegretuschiert, manches sogar neu gezeichnet zu sein. Auffällig ist auch ein farblicher Unterschied bei den Illustrationen. Ob es sich hier womöglich um einen »Reproduktionsfehler« handelt …? Um der Sache auf den Grund zu gehen, bitten wir die Illustratorin für ein Gespräch zu uns in den Verlag. Sie bringt die Originale mit.


Der direkte Vergleich mit den (Original-)Illustrationen zeigt, dass die Farbigkeit der aktuellen Ausgabe (NSV, 2016) stimmig ist. Des weiteren wird uns klar, dass die starke Überarbeitung der Illustrationen im Zusammenhang mit der Neuerscheinung bei NordSüd (2008) steht.


Nach gut 20 Jahren nutzte Käthi Bhend diese Gelegenheit, um zum Beispiel die Tulpe auf der letzten Doppelseite mehr in den Fokus zu stellen. Seit da ist die Blume von einem ruhigen, stimmungsvollen Sternenhimmel umgeben. Es stellt sich heraus, dass sie die damaligen Anpassungen direkt auf den Originalen ausgeführt hat. Sie übermalte ihre Bilder und benutzte Deckweiß als Hilfestellung für Retuschen, um die gewünschten Stellen einfacher freistellen zu können.


Diese Erkentnisse beeinflussen mein Vorhaben bezüglich der Neugestaltung maßgeblich. Nicht alle dieser Anpassungen, die vor mehr als zehn Jahren ausgeführt wurden, sind aus heutiger Sicht nachvollziehbar. Manche davon führten sogar dazu, dass das ursprüngliche Konzept der Illustratorin ein Stück weit verloren ging.

Mein Ziel ist es also, einiges zu rekonstruieren und mit dem Redesign 2020 möglichst nahe an die Originalausgabe heranzukommen. Wie das umgesetzt wird, zeigen die folgenden Beispiele.


Im Vergleich mit der Ausgabe 2016 unterscheidet sich der Umschlag beim neuen Redesign hauptsächlich durch das umlaufende Covermotiv. Zudem werden Texte neu platziert, und das Titellettering (welches Käthi Bhend 2008 angefertigt hat) wird ein klein wenig an die Form der Illustration angepasst. Dieser Schriftzug kommt neu auch auf der Titelei zum Einsatz.

Für den Vorsatz lege ich Wert auf ein ursprünglich dafür vorgesehenes Motiv: ein Gang durchs Erdreich, der Cover und Inhalt miteinander verbindet. Er läuft von der U1 weiter über beide Seiten der Titelei und führt bis hin zum Inhalt.


Diese getrennten Verbindungen wieder herzustellen ist meiner Meinung nach essenziell für das Buch. Denn, so wie die Wohnungen der kleinen Tiere in der Geschichte miteinander verbunden sind, so verbinden die Illustrationen beinahe jede Doppelseite mit der nächsten. Deshalb lassen wir, in Absprache mit der Illustratorin, einige der Originale neu scannen und digital bearbeiten. Es ist von einer Art »Bildrestauration« die Rede. Man kann nicht sagen, die Originale seien wiederhergestellt, denn die Details unter dem Deckweiß sind nicht zu retten. Jedoch kann auf diese Weise eine Bildkomposition herbeigeführt werden, wie sie dem ursprünglichen Konzept entspricht.


Mit den rekonstruierten Bildern will ich versuchen (so gut wie eben möglich) zum Ursprung zurückzukehren. Dies gilt auch für den Formatwechsel. Wir entscheiden uns für unser Standardformat (21.5 x 28). Dieses ist etwas höher als das Bisherige und kommt dem Originalformat, für welches die Bilder ja konzipiert wurden, näher. Die Proportionen von Buch und Bild passen so besser überein; es entstehen ausgewogenere Seitenränder.


Bei der Schriftwahl entschließe ich mich dazu, neue Wege zu gehen. Die Frage nach der »richtigen Schrift« ist immer abhängig davon, in welchem Kontext diese steht. Meine Aufgabe bei der Gestaltung von Bilderbüchern ist es also nicht, eine Schrift zu suchen, die mir einfach gut gefällt. Entscheidend ist dabei zu beurteilen, wie gut sie zum Illustrationsstil passt. Ich bin der Meinung, mit der »2011 Slimtype« eine moderne Schrift gefunden zu haben, die sich mit ihrem »wurzeligen« Charakter wunderbar mit den organischen Bildern kombinieren lässt.


Ich möchte behaupten, einen bestehenden Titel neu zu gestalten kann durchaus die größere Herausforderung sein, als die Gestaltung eines neuen Bilderbuches. Es geht nicht nur darum zu definieren, wie etwas sein soll; man ist auch konfrontiert mit dem, was schon ist und war. Ich finde, das ist das Schöne an Redesigns. Sie bieten Anlass dazu, Bestehendes zu hinterfragen. Und es zeigt sich: Wenn man etwas Neues erschaffen möchte, kommt es eben auch mal vor, dass man zuerst zurück zu den Wurzeln muss. In diesem Falle wortwörtlich

Vorsatzpapier

Fabienne Heeb ist Art Direktorin im NordSüd Verlag und hat das Buch »Im Traum kann ich fliegen« von Evelyn Hasler und Käthi Bhend 2020 neu gestaltet.