Hier kommt Fausto!

Oliver Jeffers ist ein international renommierter Illustrator und Autor. Sein erfolgreichstes Bilderbuch »Hier sind wir« ist bereits in der 10. Auflage erhältlich und ist das perfekte Geschenk für alle frischgebackenen Eltern. Wir haben mit ihm über sein neuestes Buch »Die Fabel von Fausto« gesprochen, welches sicher bald auch zum Klassiker wird.

Oliver Jeffers

NordSüd Verlag: In »Hier sind wir« hast du deinem Sohn noch erklärt wie lebenswert die Welt ist und nun kommt in deinem neuesten Buch »Die Falbel von Fausto« einer daher, der will eben diese Welt unterwerfen. Gibt es da einen Zusammenhang? 

Oliver Jeffers: Eigentlich hatte ich Fausto noch vor »Hier sind wir« im Kopf, dann ist aber unser Sohn zur Welt gekommen und es fühlte sich richtig an, ihm zu erklären, was es bedeutet, ein Mensch zu sein und auf der Erde zu leben. So ist »Hier sind wir« dazwischen gerutscht, aber diese positive und optimistische Geschichte passte einfach besser zu dieser speziellen Zeit.

NSV: Aber dann drängte sich die Geschichte um Fausto doch noch auf?

OJ: Ja, als die Welt immer politischer und die Menschen immer aufgebrachter wurden, war es meiner Meinung nach höchste Zeit für Fausto. 

Fausto legt sich mit dem Meer an.

NSV: Fausto geht hochmütig durch die Welt, er will alles besitzen. Dies gelingt ihm bei der Blume, beim Schaf und beim Berg. Am Schluss will Fausto das Meer bezwingen, scheitert aber kläglich. Ist also das Meer die einzige Kraft, die Fausto bezwingen kann?

OJ: Nicht das Meer bezwingt Fausto, er bezwingt sich selbst. Das Meer ist gegenüber der Menschheit gleichgültig. Ich denke, es ist eines der großen Probleme unserer Zeit, dass sich die Menschheit nicht als Teil der Natur sieht, sondern sich ihr überlegen fühlt. In Wahrheit aber ist es umgekehrt. Die Geschichte von Fausto ist mir auf einer Autofahrt entlang der nordirischen Küste in den Sinn gekommen. Ich sah einen Sturm über das weite Meer ziehen und das schiere Ausmaß der Natur bewegte mich sehr und ich fühlte mich auf einmal sehr klein. Einen Augenblick später hatte ich die Geschichte rund um Fausto auf der Zunge und sie musste nur noch erzählt werden. Diese Idee, wir müssen den Planeten retten, ist meines Erachtens falsch. Viel eher müsste man sagen, wir müssen uns selbst retten.

NSV: Wird sich die Natur an der Menschheit rächen?

OJ: Nein, ich denke nicht, dass es um Rache geht. Letztlich geht es um Gleichgültigkeit. Nachdem die Plage beseitigt worden ist, machen alle weiter wie zuvor. Das Buch handelt von Arroganz und Ignoranz, aber auch von Gier und Konsum. Deshalb steht am Ende ja auch das Zitat von Kurt Vonnegut. Denn das fasst es sehr gut zusammen: Der moderne Kapitalismus, der uns einzureden versucht, dass wir immer mehr kaufen und besitzen sollen, ist ein unstillbares Monster.

NSV: Vieles an dem Buch greift auch alte handwerkliche Traditionen zurück, z. B. der Vor- und Nachsatz, die mamoriertes Papier verwenden. Warum diese spezielle Aufmachung?

OJ: Diese Geschichte hätte auch vor hundert Jahren geschrieben werden können. Deshalb wollte ich unbedingt mit traditionellen Buchdrucktechniken arbeiten. Dazu gehört die Lithografie, die ich anstelle von Malerei benutzte. Zudem habe ich das Schriftbild durch den Gebrauch traditioneller Methoden betont.  Der Vor- und Nachsatz runden das Gesamtbild ab: Ein Spezialist aus London hat sie eigens nach meinen Vorstellungen angefertigt.

NSV: Und schlussendlich wurde das Buch bei Idem in Paris gedruckt! Es muss etwas ganz Besonderes gewesen sein, in dieser sehr geschichtsträchtigen Druckerei arbeiten zu können. Wie hast du den Prozess empfunden?

OJ: Ja, es war magisch dort zu arbeiten, einschüchternd und frustrierend zugleich. Der Ort selbst ist wunderschön, die Zeit scheint dort stehen zu bleiben. Aber wir haben gewaltig unterschätzt, wie lange es dauern und wie kompliziert es werden würde. Es war eine große Ehre, an einer Maschine zu arbeiten, an der schon Picasso, Miro und Cézanne gestanden haben. Teil dieser Geschichte zu sein, war überwältigend. Aber ehrlich gesagt war es sehr schwierig, dieses Buch zu realisieren. Vieles war unsicher und wir waren an ein Experiment gebunden, das auch schiefgehen konnte. Trotzdem mussten wir weiter machen. Es war, als ob man mit einer vierstündigen Verzögerung malte: Du musst weitermalen, obwohl du das Resultat (noch) nicht sehen kannst. Aber ich bereue meine Entscheidung überhaupt nicht. Und irgendwie passt der Mangel an Kontrolle im künstlerischen Prozess zum Thema des Buches.

Beim Arbeiten bei Idem in Paris.

NSV: Wenn wir im deutschsprachigen Raum den Namen Fausto lesen, denken wir natürlich sofort an seinen bekannten Namensvetter aus der Deutschen Literatur. Besteht eine Verbindung zu Goethes Faust?

OJ: Die Ähnlichkeit zu Faust ist mir nicht entgangen und natürlich habe ich damit gespielt. Aber ich entschied mich ganz zu Beginn des Arbeitsprozesses für den Namen, als ein Typ namens Fausto unsere Klimaanlage reparierte. Der Name schien sonderbar passend …

NSV: Und welche Lehren, abgesehen davon, schwimmen zu lernen, sollten wir aus der Geschichte ziehen?

OJ (lacht): Ja, schwimmen zu lernen ist das eine. Aber ich hoffe, die Geschichte regt dazu an, unser Konsumverhalten zu überdenken. Wir als Menschen müssen verstehen, dass wir nicht über unserer Umwelt stehen, sondern von ihr abhängig sind. Wir müssen uns als Teil unseres Ökosystems begreifen!