Moien, Bonjour und Hallo!

Zugegeben: Wer Luxemburg auf einer Landkarte sucht, muss schon sehr genau hinsehen. Mit einer Bevölkerung von knapp über einer halben Million und wegen seiner geringen Fläche wird dieses kleine Land oft unterschätzt. Dabei hat es gerade in Sachen Literatur eine ganze Menge zu bieten.

Nach einer längeren Pause ist Luxemburg seit letztem Jahr wieder mit einem Gemeinschaftsstand auf der Frankfurter Buchmesse vertreten. Das nahm die Agence luxemburgeoise d’action culturelle, kurz Alac, zum Anlass, eine zweitägige Verleger- und Pressereise quer durchs Land zu organisieren. Und so fand ich mich vergangene Woche inmitten einer bunt zusammengewürfelten Truppe wieder – bereit, gemeinsam in die luxemburgische Literaturszene einzutauchen. Dank unserer wunderbaren Gastgeber und des schönen Spätsommerwetters wurde die Reise tatsächlich zu einem lehrreichen Vernügen. Startpunkt war die offizielle Begrüßung im Cercle Cité am Place d’Armes, im Herzen der Stadt.

Die unerhörte Vielfalt der luxemburgischen Literatur ergibt sich schon allein durch die Mehrsprachigkeit, die hier anders funktioniert als anderswo: Alle offiziellen Landessprachen – Luxemburgisch (Lët­ze­buer­gesch), Französisch und Deutsch – sind im ganzen Land in Gebrauch, wegen der vielen Zugewanderten hört man inzwischen aber auch viel Englisch. In Gesprächen wird fröhlich zwischen den vier Sprachen gewechselt, und auch Autorinnen und Autoren schreiben meist in mehr als einer Sprache. 

An verschiedenen Orten im ganzen Land hatten wir Gelegenheit, mit Vertreter*innen der luxemburgischen Literaturwelt ins Gespräch zu kommen. Besonders eindrucksvoll waren sicherlich das Kultur-Institut Pierre Werner und das Schloss Bettemburg, in dem ein zwangloses „Speed Dating“ stattfand.

Generell lässt sich eine interessante Eigenheit beobachten: Luxemburgisch wird zwar im Alltag und in der Familie gesprochen, ist als Literatursprache allerdings stark unterrepräsentiert, was historische Gründe hat. Die meisten Kinder sprechen zunächst Luxemburgisch, bevor sie auf Deutsch und Französisch alphabetisiert werden. Dennoch liegen kaum Kinder- und Bilderbücher auf Luxemburgisch vor, selbst Märchenklassiker gibt es meist nur in den „großen“ Sprachen zu kaufen. So bleibt den Eltern oft nichts anderes übrig, als beim Vorlesen simultan ins Luxemburgische zu übersetzen – eine beachtliche Leistung! Bei diesem NordSüd-Klassiker bleibt ihnen diese Mühe zum Glück erspart:

Luxemburg tut viel dafür, die Vielfalt seiner Literatur zu bewahren und zu fördern. Ein gutes Beispiel dafür ist das vierwöchige Stipendium, das die Kinder- und Jugenbuchresidenz Struwwelpippi jährlich vergibt. Deutschsprachigen Autor*innen aus dem Kinderbuchbereich können sich für nächstes Jahr noch bis zum 31. Dezember 2019 bewerben. 

Wer sich mit seinen Kindern ein wenig in Luxemburg umsehen möchte, ohne gleich hinzufahren, dem sei das Sachbilderbuch Wooow!!! Luxemburg aus einem der bekanntesten Luxemburger Verlage, den éditions guy binsfeld, ans Herz gelegt. Gemeinsam mit den zwei Protagonisten Charlotte und Monsieur Hibou lässt sich damit spielerisch das Land erkunden.

Umgeben von der malerischen Altstadt von Luxemburg Stadt – von den Schlössern und Burgen im Umland ganz abgesehen – lässt man sich unweigerlich von Geschichten und Mythen in Bann ziehen. Unter den Einheimischen sehr bekannt ist die der Nixe Melusina. Wie es die Legende will, verheiratete sich Siegfried, der Graf von Luxemburg, mit einer jungen Frau. Sie stellte aber eine Bedingung: Einmal in der Woche wollte sie allein und in Ruhe baden. Eine Weile ging das gut, doch dann hielt es Siegfried vor Neugier nicht mehr aus und spähte schließlich durchs Schlüsselloch, als Melusina wieder einmal ihr Bad nahm. Was er da sah, dürfte ihm die Sprache verschlagen haben: Seine Frau hatte einen Fischschwanz! Entzürnt über den Vertrauensbruch sprang Melusina kurzerhand in die Alzette, den Fluss, der mitten durch Luxemburg Stadt fließt. Manche glauben, dass sie dort noch immer sitzt und im Inneren eines Felsen an einem Hemd strickt – und dass, wenn dieses Hemd fertig ist, die gesamte Stadt in sich zusammenfallen wird.

Vorerst besteht jedoch kein Grund zur Panik: Melusina lässt sich Zeit und macht nur alle sieben Jahre einen Stich.