Die Spitze des Eisbergs Atelierbesuch bei Maja Kastelic

Maja Kastelic illustriert für uns die Lebensgeschichte von Hans Christian Andersen, die Heinz Janisch für Kinder erzählt hat. Soviel sei schon verraten: Dieses Buch wird grandios und sprengt Grenzen: Die Grenzen zwischen Bilderbuch und Graphic Novel. Die Grenzen zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Die Grenzen zwischen Realität und Fantasie. 

Für die letzte Phase der Illustration besuchte ich Maja in ihrem Atelier in Trebnje, Slowenien. Ich fand dort ein Zitat, das unter vielen anderen Zetteln, Skizzen und kuriosen Fundstücken an der Atelierwand hängt. Es könnte der Leitsatz für unser Andersen-Projekt sein:

»Certain things in life, it’s a long way getting there but once you get there, it’s fucking spectacular.« Eddie Vedder (Frontman von Pearl Jam)

Neben der üppig gestalteten Wand sticht sofort Majas beachtliche Bilderbuch-Bibliothek ins Auge. Darin finden sich sowohl Klassiker slowenischer Illustrationskunst als auch international bekannte Illustratoren*innen, die heute spannende Akzente setzen: Jon Klassen, Catarina Sobral, Isabelle Arsenault, Peter Sís, Kitty Crowther und viele mehr. Zum Teil kennt Maja sie persönlich. Man begegnet sich auf Buchmessen und bei Workshops.

Und dann sind da natürlich die Originale zum Andersen-Buch. Ehrfürchtig studierte ich, was ich bisher nur am Bildschirm betrachten konnte. Der Charakter von Majas Bildern ist stark und zart zugleich. Stark im  Sinne der ausgewogenen Komposition, und zart, weil die Figuren federleicht ins Bild gesetzt scheinen.

Einerseits sprachen Maja und ich über konkrete Szenen, Abbildungen, Farben und Illustrationstechnik. Aber Maja liebt es auch, über den kreativen Prozess an sich zu reflektieren.

Der Prozess ist wichtig und es gibt keine Abkürzungen oder Überholspuren für Maja. Alles gehört dazu: technische Fragen, Entdeckungen, Zweifel, Rückschläge und Neuansätze … bis »es stimmt«. Maja kann den kreativen Prozess schwer steuern, manchmal wird sie von ihm hinweggetragen, dann taucht sie ab und ist für eine Weile nicht erreichbar. Auch nicht für mich von Zürich aus. 

Was ich zu sehen bekam, war allerdings nur die Spitze des Eisbergs. Damit die vorliegenden Illustrationen entstehen konnten, brauchte es akribische Recherchen, Studien, Experimente mit Farbe und Technik und auch »das Spielen«, wie Maja es nennt. Es kommen Figuren und Dinge ins Bild, die nicht geplant waren, die aber buchstäblich eine kindliche Freude beim Betrachten wecken. Dann bekommen z. B. die Blumen in der »Däumelinchen-Szene«  noch klitzekleine Augen oder der reisende Andersen wirft einen Schatten, der aussieht wie ein Flügelpaar. Es braucht einen zweiten oder dritten Blick des Betrachters, bis er diese Feinheiten sieht.

Anderes ist offensichtlicher. Ich meine Bilder, die voll überbordender Details sind. Wie z. B. die Szene »Des Kaisers neue Kleider«. Ein dezenter Schatten steht für den nackten Kaiser, der die »neuen Kleider« dem Volk präsentiert. Den »Kleidern« eilt der Ruf voraus, dass nur derjenige sie sehen könne, der nicht dumm sei. Also wagt auch das Volk nicht, offen über die Nacktheit des Königs zu sprechen. Maja hat eine bunte Menschenmenge dargestellt, in der es einige Zeitgenossen zu entdecken gibt (den Autor Heinz Janisch, Herwig Bitsche, Andrew Rushton, mich selbst) sowie beliebte Figuren aus der Welt des Kinderbuchs: ein Mumin, ein Räuber von Tomi Ungerer, der kleine Prinz. Auch der Tod, dargestellt von Wolf Erlbruch, ist dabei. Alle haben auf ihre Weise einen Bezug zu Andersen oder zu Maja Kastelic selbst.

Aber diese Referenzen zur Kinderbuchwelt haben noch einen anderen Grund. Maja möchte ihre Bewunderung und ihre Liebe zum illustrierten Buch ausdrücken und zollt ihren Vorbildern und Wegweisern damit Tribut. Es wird so vieles zu entdecken geben in ihrem Buch über Hans Christian Andersen! Merkt euch schon mal vor: Es erscheint im Frühjahr 2020!

Schreibe einen Kommentar