Rotkäppchens Rückkehr

Vor über 50 Jahren präsentierte eine junge englische Illustratorin auf der Frankfurter Buchmesse ihre Bilder von »Rotkäppchen«. Dimitrije Sidjanski, der Gründer von NordSüd, war offensichtlich beeindruckt von dem, was er sah. Ein Jahr später, 1968, erschien »Rotkäppchen« als erstes Buch von Bernadette Watts im NordSüd Verlag. 50 Jahre später treffen die noch vorhandenen Illustrationen wieder im Zürcher Verlagshaus ein. Es war für mich ein ergreifender Moment, diesen Schatz auspacken zu dürfen.

Bernadette – wie sie bei ihrem deutschsprachigen Publikum heißt – hat mit »Rotkäppchen« den Grundstein für eine inzwischen über 50 Jahre dauernde Zusammenarbeit gelegt, während der an die 100 Bücher erschienen sind. Das jüngste Werk »Der kleine Trommler« (The Little Drummer Boy) ist soeben veröffentlicht worden. Die Geschichte eines kleinen Jungen, der dem Christkind huldigen will, hat seinen Ursprung in Böhmen. Katherine K. Davis komponierte daraus das weltbekannte Weihnachtslied, das von Dutzenden Interpreten aus der ganzen Welt gesungen und gespielt worden ist.

Trotz der vielen erfolgreichen Bücher, die Bernadette in den fünf Jahrzehnten gezeichnet und großteils auch geschrieben hat, hat keines einen ähnlichen Kultstatus wie das »Rotkäppchen« erreicht. Seit 50 Jahren ist dieses Buch, ohne Unterbrechung, ein lieferbarer Titel im Programm von NordSüd. Dabei gab es immer wieder kleine Veränderungen, z.B. beim Vorsatzpapier, das ursprünglich rot war. Irgendwann wurde beim Vorsatzpapier gespart, und es blieb weiß. 2012 hat man das korrigiert und sich erstaunlicherweise für ein grünes Vorsatzpapier entschieden. Als sich vor zwei Jahren das Jubiläum abzeichnete, hat Bernadette angeboten, ein neues Vorsatzpapier zu zeichnen. Seit der 15. Auflage erscheint nun das fünfzig Jahre alte Buch mit einer brandneuen Illustration auf dem Vor- und Nachsatz.

Das »Rotkäppchen« ist in vielerlei Hinsicht eines der kühnsten Bücher, die Bernadette gezeichnet hat. Bernadettes Blumenwiesen sind nicht nur an den Impressionisten geschult, sondern sie lassen auch einen Einfluss von ihrem Lehrer David Hockney erkennen. Auch der Aufbau der Szenen zeigt große Souveränität im Umgang mit dem Raum – der bei Bilderbüchern klar umrissen ist. Bernadette plante auch immer die Texte auf den Doppelseiten ein. Um eine präzise Vorstellung von dem verfügbaren Raum zu bekommen, schnitt sie Texte aus anderen Büchern aus und klebte sie an die betreffenden Stellen. In den Originalillustrationen von »Rotkäppchen« kleben englische und holländische Texte von »Atuk« und von »Der Junge und der Fisch«. Und noch etwas wofür Bernadette berühmt werden sollte, ist in »Rotkäppchen« bereits vorhanden: ein mit Sternen übersäter Nachthimmel.

Leider ist das »Rotkäppchen« nicht mehr vollständig. Es fehlen einige Doppelseiten, und vor allem das Cover ist irgendwann von einem Museum in Japan erworben worden. Die letzten 15 Jahre waren die verbleibenden Bilder gelegentlich in Ausstellungen in Japan zu sehen. Als Anfang September die noch vorhandenen Bilder aus Japan bei uns im Verlag ankamen, war das für uns alle ein ganz besonderer Moment. Schicht für Schicht schälten wir die Bilder aus der Transportverpackung, um sie endlich einmal persönlich in Augenschein zu nehmen. Die Brillanz der Farben hat mich wirklich überwältigt. Vor allem das Nachtbild mit den vielen Blau- und Violetttönen hat eine unglaubliche Tiefe.

Bernadettes »Rotkäppchen« ist schon jetzt ein Klassiker des Bilderbuchs. Die Originale werden bald zurück an ihre Schöpferin gehen. Vielleicht gelingt es uns vorher, sie noch einmal in einer kleinen Ausstellung einem interessierten Publikum zu zeigen.